Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1924-03-01 · Heft 3 (März 1924) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 3 (März 1924)
Article
Die Juden von Zirndorf
Date
1924-03-01
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2912821-2912828-2912831-2913855--00594-2913929
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

n bereits an die mit Lebensmitteln gefüllten Wagen gemacht und rauften um Fleisch und Brot wie die Wölfe. Keiner verstand den andern im i'umult; Ermahnungen und Ermunterungen verhallten fruchtlos. In manchen Augen tauchte jene geheimnisvolle Verzweiflung auf, die durch einen unsicheren und brennenden Glanz den Schein von Mut erhält und sich durch rastlose Geschäftigkeit unkenntlich macht. Der Lärm und das Geschrei erscholl weit hinaus, scheuchte, die Krähen aus den kalten Feldern empor, und die Peitschen der Kärrner schallten durchdringend bis an eleu Wald hinüber und klangen zurück als ein schüchternes Echo. Die Wolken sahen aus wie zerzauste Leinwand und der ganze Himmel glich einer grauen Wüste. Am Kreuzweg nach Unterfarrnbach stieß die kleine Judengemeinde dieses Dorfes zum großen Plauplzug. Bald flatterten schlecht befestigte Zelttüchcr im Wind und allerlei leichte Gegenstände flogen in der Luft herum. Was half das Beten der Frommen und das fromme Deuten der Talmudisten? Was half der Glaube und die Begeisterung? Der finstere Judengott ließ nicht mit sich spaßen und streckte seine grausame Hand herab, daß sie wie eine Mauer vor jenen süßen und verlockenden Zielen stand, die eine morgenländische Phantasie herauf gezaubert hatte. Oft saß ein Gefährt fest im dicken Kot und fünfzig und mehr Männer mußten es unter Anspannung aller Kräfte herausschieben. Ein Wagen diente als Betze.t, und in ihm war auch die heilige Lade in kostbarem Putz aufbewahrt. Der Ober-Rabbi, der Chassan, die Rumpeln und Wolf Batsch saßen herum und sangen Lieder des Sabbatai. Boruchs Klöß in seinem Wagen hielt sein Weib umschlungen; das Mittagessen, eine fettige Mehlspeise, stand in einer zinnernen Schüssel vor ihnen, aber sie aßen nicht, sondern sahen beide stumpfsinnig in die erkaltende Speise. Dumpfe Schreie schallten in ihre erbärmliche Behausung; manche hatten ihre Hauskatzen mitgenommen, und die Tiere miauten unaufhörlich aus unauffindbai_n Verstecken. Dann wurde wieder das Ächzen des Windes laut; an den spärlichen Baumalleen der Straße flogen die braunen, nassen Blätter in geisterhaftem Tanz umher, und die Äste bogen sich knarrend. Der Regen prasselte und trommelte auf die dünnen Dächer, die Achsen wimmerten, an vielen Gespannen standen die Tiere störrisch?lill und waren nicht fortzubringen, man mochte sie quälen oder ihnen gütlich zureden. Im Gefährt des Maier Knöcker war es ruhig, denn die Fhelsela kauerte teilnahmslos in einem Winkel, und in einem anderen Winkel kauerte Rahel. Nur der Nathan selbst schien froh bewegt. Au? irgendeinem Grunde schien er glücklich zu sein; er zwinkerte oft freundlich mit den Augen und fragte: „Rahelchen, wann kommt das güldene Mädchen? das himmlische Töchterchen?" Nach drei Stunden erreichte die Karawane den Wald, der eine Viertclmcile entfernt lag. In sanfter Steigung sollte es nun bergan gehen, aber vorher wurde eine Stunde Rast gehalten. Der Wald war finster, die Zweige trieften vom Regen, der Boden war schwarz und schlammig. Ein eigentümlich klirrendes Geräusch lief wie eine Welle durch die Baumkronen. Zwischen den Stämmen in der Tiefe lagerte aufdringlich die Nacht und bisweilen war der ferne Schrei eines Wildes vernehmbar oder ein Laut wie das Schla- MENORÄH / Clai.i Epstein, Wien gen einer Axt. Der Himmel war verschwunden, die Ebene war nicht mehr zu sehen, und Regcnschleier und Nebelschleier machten den Pfad zu einem unsicheren Bilde. Ein Vogel flog auf und huschte scheu und hastig ins tiefere Gehölz. Über dem sumpfigen Grund lag der Tod. Fern fühlten sich alle schon der Heimat, ihren Gärten, ihren Häusern, dem Bereich ihrer Kinderspiele, dem Schauplatz ihrer Sorgen. Rahel lehnte, mit einem dicken Wolltuch geschützt, stumpf in ihrer Ecke. Dennoch fühlte sie etwas in sich, das sie von allen unterschied; sie fühlte sich edler und besser durch die vergangene Leidenschaft. Auch empfand sie schaudernd das junge Leben in sich, täglich mehr, täglich erschreckender, gleichwohl war es so märchenhaft und unglaubwürdig, dies zu tragen, daß die Seele stark wurde und sich aufrichtete, als sei sie selbst etwas Körperliches. Es ging zur Höhe, wo die Veste stand. Männer und Weiber waren ausgestiegen und schleppten sich zu Fuß. Die Kärrner, die für schweres Geld gemittet worden waren, weil die meisten jüdischen jungen Leute nicht mit Pferden zu hantieren 'erstanden, und die an der nächsten Grenze durch andere abgelöst werden mußten, machten bissige und feindselige Bemerkungen. Viele Hauen trugen ihre Kinder auf dem Rücken, in Tücher eingehüllt. Langsam und mühevoll ging es hinan. Das Geschrei der Fuhrleute erfüllte die Luft, die Zigeuner heulten durcheinander, daß es rings widerhallte wie in einem Kessel, und als einmal eine Wildsau über den Weg rannte, kreischten die furchtsamen Weiber durchdringend auf, auch Männer wurden blaß und starrten fassungslos vor sich hin. In halber Höhe begannen die Steinbrüche, die nach dem großen l'ricclen von Nürnberger Bürgern gekauft und ausgebeutet worden waren. Jetzt galt es, Gestrüpp und übi-rhängende Äste aus dem Weg zu räumen, und man mußte vorsichtig sein, damit kein Rad dem Abgrund eines Bruches zu nahe kam. Drunten lagerte schwarzes Wasser und schien brunnentief zu sein. Der Regen bildete enge Ringe, und der Himmel KtchiMü , Radierung spiegelte sich darin mit düsterer Stirn. Schutt, Geröll und unbehauene Steine lagen umher; allenthalben gab es Löcher und tückische Schluchten, Heidekraut und Brennessel wuchsen an den Hängen. Die Brüche glichen zerstörten 1 iäusern von Riesen und hatten etwas so frisch Verlassenes, daß man oft aus einem Abgrund den Ungeheuern Leib des Bewohners auftauchen zu sehen glaubte. Es war Abend. Dicke Pfützen von Regen - wasser standen in den Höhlungen des Weges, die Räder fuhren hinein und das Wasser spritzte hoch auf. Erstaunlich war es, daß noch keiner an eine Rückkehr dachte, da doch nur Peinigungen und Mühsale zu erwarten standen. Sie blickten unerschüttert in die mysteriösen Weiten, und es war eine dumpfe Ergebung, dir sie hinauswandehi hieß, verstummt vor dem unhörbaren Gebot eine.; Hüters in der Feine. Wühlten Zweifel in ihrer Seele? Waren sie zu müde, mit ihren Zweifelt" sich abzufinden? Zu stoisch oder zu sklavisch, den Willen der Idee zu brechen? Zu feige, um sich bloßzustellen durch Ahnungen? Em geduldiger Fatalismus war über sie gekommen. Als es finster wurde, erhob sich ein ungestümer Sturm. Die Stämme erzitterten, che Pechfackeln verlöschten. Auf einmal, es mochte um die sechste Nachmittagsstunde sein, erschallten von vier Seiten im Dickicht des Waldes gleichzeitig Trompetcnsignnlc. Der ganze Wagenzug hielt fast mit einem Ruck still. Ein furchtbares Schweigen, eine wahre Totenstille entstand im Nu. Alle wußten, was nun kommen würde. Da oder dort, in einer Lücke des Gehölzes, erschien ein Reiter in der Tracht der Nürnbergischen Bürger^oldaten, beleuchtet von den fackeln, die sie am Bug des Pferdes befestigt hatten. Mit höhnischem Lächeln betrachteten sie den erstarrten Zug der Auswanderer; sie verachteten die kriegerische Aufgabe, die ihnen zu teil geworden war. Die Stimme des jungen W agenseil erschallte: zu den Waifen! F.in heiserer Schrei, erstickt durch die Erkenntnis der Hoffnungslosigkeit und des Fehltrittes. Da krachte donnernd eine Flinte; der greise Rabbi Eliescr sank, ohne einen Landin^-place / Hafunplatz, Ik'rliti

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.