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Menorah · 1924-03-01 · Heft 3 (März 1924) · p. Seite 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 3 (März 1924)
Article
Die Juden von Zirndorf
Date
1924-03-01
Page
Seite 9 (sequence 1)
Language
German
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9 M E N O R A H £Jako6 "Züassermann / 3)ie ^Juden von Zirndorf 2)as Uovspiel (h ortsctzung) Draußen in der Nacht erinnerte sie sich dunkel, daß Thomas Peter ihr empfohlen halle, die Juden zu warnen, es sei etwas irn Werk: aber es ließ sie kühl. Sie fühlte sich wie das, lote Werkzeug in einer fremden Hand. Sie dachte an den Geliebten, von dem sie eben auf so seltsame Weise ewigen Abschied genommen, und ein Schauer zog ihr die Brust zusammen und ihr Merz lag wie Blei im Körper. Jenes Haus, das so Teures für sie beherbergt hatte, konnte, nicht mehr das Bild ihrer Träume verschönen. Stand doch schon über seinem Eingang ein roher Landsknechtspruch, neu hingcmall: Wer so fährt, wie ich, fahrt boeft. Meines Vaters Guett hab* ich versoffen, Bis au ff einen alten Hizhuelt. Der leit da. Den ofen wer ich aach ball versaufen. Die Nacht war kalt. Die Wolken am Himmel hatten in ihrem gelben Leuchten und ihren kargen Umrissen etwas Wesenhaftes und Persönliches. Vor manchen Haustüren c'ot Christen standen Männer im Schein düsterer Lichter und berieten über die Vorgänge im JudeiHerrel. Sie schienen besorgt, denn wie auch dies Volk verhaßt bei ihnen war, so beleidigten doch all diese Dinge ihr Herrischkeitsgefühl, und sie glaubten, es nicht zugeben zu dürfen, daß sich der Knecht so leichterdings frei mache und davonziehe. Nur die zu Wucherzins Verpflichteten rieben sich insgeheim die Hände und beglückwünschten sich zu den so mühelos errungenen Kapitalien. Rahel wagte sich nicht heim. Sic wußte nicht, was sie davon abhielt, aber ihre Seele verging in Furcht. Sie wanderte ch'hin, ohne über ein Ziel nachzudenken. Sie lebte völlig in einer dunklen Innenweh, und die Blicke, die sie in die erleuchteten hcnster der Wohnungen wa>f, hatten etwas Ines. Wie so oft, ging sie in das Haus des frommen Elieser Rappapoii, der ihr Verwandter war. Die ganze Familie saß um der. großen Tisch herum; die Wände w?re.n kahl, die Schränke fortgeschafft, Geschirr, Betten, Wäsche und Gewänder auf den Wng-n verpackt. Es war unheimlich, zu sehen, wie die Menschen um das trübe, rauchende Licht herumhockten, mit blassen, erwartungsvollen Gesichtern oder mit milden Gesichtern, in denen gleich.-arti nur noch eine entfernte, eine fliehende Sehnsucht, ein schüchternes FlofTcn leuchtete, und wie sie dem \ orlescn des Elieser lauschten. Draußen fauchte der Wind und überall klimperte und klirrte es, und oft blökten ängstliche Rinder oder wieherten che Pferde. Rahel setzte sich in eine Ecke des Raumes, wo ein Balken aus der Wand hervortrat. Niemand achtete ihrer. Elieser las aus dem Buch Simchas Chamefesch, der „Seclcnfrr.ude". welches zu Old womnn / Alte Frau Claia Kp^h'in. Wien Graphit ürawinu < n .ipliir/eiehiunuz From a pnvat-coHeeiion Privatbesitz Frankfurt und zu Sulzbach deutsch gedruckt worden war. Mit bebender Stimme las der alte Mann die Parabel, die von der Stärke de; Glaubens handelt. „Einer hat drei gute l reund; ein.-r is sein Leib freund, der ander is aach cm gut.:; Ireund, un der dritter, den hat er vor gar nix geacht. Urbli/Iing schickt der Melech, der König, einen Boten nach den tVlcii'ch, er soll geschwind zum Melech kommen. Der Mensch cLrschreckt sehr, was muß das bedeuten, als der Melech nach mer schickt und fercht sich sehr im geht zu sein Leib freund, der soll mit ihm gehn zum Melech, der will aber nit mit ihm gehn. Da geht ei zu den andern Freund, er soll mit ihm gehn zum Melech, da spricht er, ich will dich begleiten bis an das Schloß, aber weiter will ich nit gehn. Da geht er zu den dritten Ireund, den er vor gar nix geacht hat. Da spricht er, ich will mit dir gehn zum Melech un will dich beschennen. Un is mit ihm gangen zum Melech un hat ihm beschermt. Aso aach die drei I reund; einer das i.; Geld, der ander, das is sein Weib un Kind, der cintt freund, den er von nix hat gehalten, das is die Thora, die Gebote, die guten Taten, das ach; der Mensch vor nix. Der Melech das is Got, der Bote das is der Tod. den schickt Got urblizlins?. soll dem Menschen seine Seele nehmen. Der beste Freund, das is das Geld, das bleibt derheim, wenn er gleich och aso viel hat. kann er doch nix mitnehmen. Der andere F reund, das is sein Weib un Kind, gehn mit ihn bis ans Grab, schreien un weinen, kennen ihm nit helfen. Der dritt h reund, den acht der Mensch vor nix, der geht mit zum Melech." Die Stimme verklang wie in einer Höhle. Es befand sich aber noch ein Rabe im Zimmer, der vom alten Elieser abgezogen worden war und der, lauernd auf einer Stange hockend, sein düstres Krächzen in die gelehrtesten Disputationen zu werfen pflegte. Rahel sah den Vogel beständig an, denn ihr war, als sei ein menschliches Wesen in ihm verborgen, ja sie dachte: so ist mein Volk wie dieser Rabe. Doppelt schwarz und doppelt unruhig sah er aus im Gegensatz zu den glulgeröteten Mauern; mitten im Dunkel saß er wie auf einer Insel in einem Ozean von Finsternis. Gebete und hasten füllten allenthalben die Nacht aus. Es gab freilich manche, che wieder zaghaft geworden waren und die am liebsten zurückgeblieben wären, aber zu ihnen kam Zacharias Naar. Es war, als ob er die Schwächlinge und Feiglinge am Blick zu erkennen vermöchte. Es war erstaunlich, wenn er zu ihnen sprach und sie folgsam wurden wie Hunde, wenn eseine Augen auf sie heftete und in geheimnisvoller Weise ihre Entschlüsse formte wie Ton. Der Zug der wandernden Juden nahm nicht ab. Im Osten häuften sich die Ereignisse verwirrender Art. Es kam die Kunde, Sabbatai sei zum Sultan der Türkei zu Gast geladen worden und reise nun in Begleitung seiner zwölf Jünger und einer großen Schar von gelehrten Talmudisten zu Schiffe nach Salonichi. Line ganze Hottille \ cm Smyniaei Schill en sei in seinem Gefolge. Ehefrauen hätten ihre M,inner vei lassen um

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