Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 3 (März 1924)
- Article
- Die alten jüdischen Spiele
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
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4 M E N O R A H i die für gewöhnlich auf fliegenden Bühnen in den Häusern der Reichen am Purimabend zur Aufführung gelangten, nämlich: das „Achaschwcros:h-Spiel" und das „Josef-Spiel". Eines dieser in jiddischer Sprache abgefaßten Spiele, das Achaschwerosch-Spicl, ist in mehreren Bearbeitungen vorhanden und wurde auch mehrfach als Beitrag zur jüdischen Volkskunde oder als literarische Seltenheit in deutscher Schrift gedruckt und unter dem Titel „Purim-Spiel" herausgegeben. Auch sonst wird bei den Juden des Westens und in den Geschichtsbüchern der jüdischen Literatur das Achaschwerosch-Spiel schlechtweg Purim-Spiel genannt. Demgegenüber sei festgestellt, daß im Ghetto diese Bezeichnung nur als Sammelnamen für eine bestimmte Litcraturgattung gebräuchlich ist. Das Ghetto kannte nur das Achaschwerosch-Spiel und das Josef- Spiel und nannte auch die Darsteller demgemäß Achaschwcrosch-Spielcr und Josef-Spieler. Vom „Purim-Spiel" im westlichen Sinne war im Ghetto nie die Rede, obgleich beide Stücke am Purimfest von Behelfern (Supplenten in den Chedarim) aufgeführt zu werden pflegten. Erwähnenswert ist, daß das Josef-Spiel bei den Ghettojuden viel beliebter und volkstümlicher war als das Achaschwerosch-Spiel, ungeachtet seiner Aktualität am Purimfeste. Das Josef-Spiel war sozusagen das Kassenstück; das sahen und hörten sie gerne. Der alte Vater Jakob und der keusche Josef, die waffcngewaltigen Brüder Simon und Levi und der kleine Benjamin standen oflenbar ihrem Herzen näher als der Tölpel auf dem Throne, Achaschwerosch, und der am Galgen baumelnde Haman, ja selbst als Mardochai, der Sohn Jairs, und die „grünlich" anmutige Esther. Das Josef-Spiel sagte ihnen vielleicht deshalb mehr zu, weil es im Grunde ein sehr ernstes, beinahe schon rührseliges und vor allem ein belehrendes Stück war, während das Achaschwerosch-Spiel mit seinen faden Witzen doch eigentlich nichts bot, was aufheiternd und belehrend zugleich hätte wirken können. Das Josef-Spiel enthält in der Tat einige Szenen und Bilder, die recht eindrucksvoll und zum Teil sogar dramatisch wirksam sind. Der unbekannte Verfasser dieses Spieles verrät in mancher Beziehung ein gewisses dramatisches Talent, nur wird er mit Aristoteles' Poetik nicht sonderlich vertraut gewesen sein. Er dichtete darauf los, ohne sich den Teufel um Regeln und einen geordneten Szenenbau zu küi In einem Punkte zeigte er sich kühner als Goethe. Der deutsche Dichterfürst, der in Weimar auch Theaterdirektor war, hat bekanntlich gegen das Auftreten eines Hundes auf der Bühne in schärfster Weise Stellung genommen. Der „Dichter" des Josef-Spieles dagegen läßt einen leibhaftigen Wolf vor dem Erzvater Jakob erscheinen. Die Sache trägt sich nämlich folgendermaßen zu: Nachdem man dem allen Jakob das blutgetränkte Armelklcid Josefs überbringt, mit den Worten „Haker no, hak' thonet bincha hi im lo" („Sieh* nach, ob es der Rock deines Sohnes ist oder nicht") — merkwürdigerweise wird dieser Satz im Josef-Spiel nicht jiddisch, sondern hebräisch gesprochen — jammert und wehklagt Jakob: „Ein böses Tier hat ihn gefressen, ein reißend Tier hat Josef zerrissen." Er befiehlt darauf seinen Söhnen, das reißende Tier zu fangen und vor ihn zu bringen, welcher Auftrag denn auch prompt ausgeführt wird. Der böse Wolf erscheint, und Vater Jakob schleudert ihm alle geschriebenen und ungeschriebenen Flüche an den Kopf. Das böse Tier steht voll Ehrfurcht und voll Mitleid vor dem schmerzdurchwühlten Vater; es nimmt sehr demütig die Flüche in Empfang und tritt zerknirscht ab, wie ein reuiger Sünder. Der Anfang der Mcndelssohnschcn Epoche bedeutet das Ende der jüdisch-deutschen Literatur in Deutschland. Die Juden in Deutschland beginnen das reine Flochdeutsch zu schreiben und ihre jüdischen Werke in rein deutscher Schriftsprache abzufassen. Dafür entwickelt sich in den slawischen Ländern eine polnisch-jüdisch-dcutschc oder, wie man sie zutreffend nennt, eine jiddische Literatur. Im neunzehnten Jahrhundert erwacht die jüdisch-deutsche Literatur in Polen und Rußland zu neuem Leben. Gedichtsammlungen, Erzählungen, Novellen, Romane erscheinen in nicht geringer Anzahl auf dem Büchermarkt, darunter auch einige mehraktige Theaterstücke, die zunächst ausschließlich zur Lektüre bestimmt sind. Dr. E 11 1 i n g e r schreibt ein Theaterstück „Scrkele"; Abraham Bär Gottlobcr eine dreiaktige Komödie: „Das Decktuch oder zwei Hochzeiten in einer Nacht"; ein Ungenannter läßt ein Stück drucken: „Reb Chaimel, der Kozcn (Reiche), ein teater in vir akten", in dessen Vorrede der Verfasser das Theaterstück als außerordentlich nützliche Lektüre anpreist und wünscht, „es soln das bichle ale kinder leienen". Ein anderer Schriftsteller macht sogar den kühnen Versuch, ein Moses-Drama mit sieben „Vorstellungen" zu dichten. Dieses Drama trägt den kuriosen Titel: „Moses oder das befreiüng der israeliten in cgipten, gemacht durch Schlomo Badchen." Die Ursachen, daß nirgends das Bedürfnis nach einer spezifisch jüdischen Bühne vorhanden war, sind sehr zahlreich. Wohl jedes Blatt der jüdischen Geschichte zählt eine Ursache auf: Bald ist es der Selbsterhaltungstrieb, bald der starre Rabbinismus, der angeborene Wissensdrang, der mangelhaft ausgebildete Kunstsinn, vornehmlich aber die Verfolgung und Unterdrückung von außen. Dies erklärt uns auch, warum von allen Erzeugnissen der jiddischen Literatur dieser Epoche die Dramen die schlechtesten sind. Ein Bühnenwerk, von vornherein lediglich zur Lektüre bestimmt, kann nicht ein Werk für die Bühne sein. Es war für die Juden des Ostens zweifellos kein großer Verlust, daß für die „gemachten" Bühnenwerke keine Bühnen vorhanden waren. Die primitiven jüdischen Bühnen, die die sogenannten jüdischen Sängertruppen, wie zum Beispiel die berühmten „Brodyer Sänger", in Bierlokalen und Weinrestaurants errichteten, waren geradezu eine eindringliche Mahnung, diese verrohend wirkende „Kunst" nicht aufkeimen zu lassen. Und doch sind diese Sängertruppen, die bereits neben verschiedenen Couplets, burlesken Liedern und gereimten Zoten auch kleinere Einakter aufzuführen pflegten, die unfreiwilligen Anreger zur Schaffung einer jüdischen Bühne gewesen. Diese Erscheinung ist beachtenswert, weil sie eine Entwicklung in umgekehrter Reihenfolge zeigt. Überall sonst ist das Überbrettl das Produkt einer theaterübersättigten Zeit; das Überbrettl bedeutet gewissermaßen die Überwindung des Theaters. Hier aber wurde zuerst das Überbrettl geschaffen und von diesem dann der Sprung zu den Brettern, die eine Welt bedeuten, gewagt. Vornehmste Herrengarderobe nach Maß aus original-englischen Stoffen. Schnitt und Ausführung anerkannt tadellos bei ARTHUR LEDERER CFranz Schlafs Söhne Nfg.} Wien, I..Operngasse 16, I. Stock Gegründet im Jahre I825. — Telephon 24-12 ne Einrichtung für streng rituelle Ausführung