Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1924)
- Article
- Der Anteil der Juden an der Sprachforschung
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 14 (sequence 1)
- Language
- German
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14 MENORAH Cfrf^' 'Xt'f'f* >«,~w (C c C*/* ^^BFS^ - t •-^Vi-F^- rf ' - $/ i^ri--^ --^ - - >*- ■/^J3^, Der Anteil der Juden an der Sprachforschung Ebenso bedeutend wie Breal sind auch die beiden Brüder Darmestete r, gleichfalls französische Juden. Der ältere, Arsene (1846 bis 1888), war zuerst Professor an der Pariser Ecole des hautes etudes, dann (seit 1883) an der Sorbonne. Seine teils linguistischen, teils literarhistorischen Werke sind ebenso kritisch wie philosophisch-tief angelegt: „Formation des mots composes" (1874), „De la creation actuelle des mots nouveaux" (1877), „La vie des mots" (1887, in 4. Auflage 1893), „Le XVI. siecle cn France" (gemeinsam mit Hatzfeld 1878, in 5. Auflage 1892), „Dictionnaire general de la langue frangaise" (mit Hatzfeld begonnen, von A. Thomas fortgeführt, 1889 ff.); seine kleineren Schriften sind von seinem Bruder gesammelt als „Reliques scientifiques de A. D.", 1890, in zwei Bänden. — Arsene war unter den nichtdeutschen Linguisten der erste, der sich mit den allgemeineren Fragen der Sprachgeschichte, und zwar insbesondere mit den Motiven des Bedeutungswandels beschäftigte. Sein Buch „La vie des mots" bildete die Anregung zu dem Werke „Ordenes liv" des bedeutenden dänischen Romanisten Nyrop, der in Paris als Schüler zu seinen Füßen saß. Sehr viel tat Arsene für die Durcharbeitung der französischen Lautlehre. Hier fand er unter anderem das Gesetz der Behandlung der Vortonvokale, das nach ihm das „Darmestetersche Gesetz" heil.it (zuerst in einem Aufsatze „La protomiquenon initiale non en pr.siticn" in der Zeitschrift Romania, V, Seite 140 ff. veröffentlicht). Seine Arbeiten zur französischen Sprachgeschichte und vergleichenden französischen Grammatik, besonders der „Cours de grammaire historique" in 3 Teilen (1892—94, in 4. Auflage 1900), nennt der deutsche Romanist Gröber die besten unter den neueren Werken auf diesem Gebiete sprachlicher Forschung. Das mit Hatzfeld in Gemeinschaft verfaßte „XVI. siecle" schildert in faßlicher, zusammenhängender Darstellung die von Dichtern und Schriftstellern des 16. Jahrhunderts eingeschlagenen Richtungen. (Vergleiche über ihn in Gröbers „Grundriß Band I, Seite 128 f.. 133, 137, 139 f., 167, 177; Nekrologe: A. D., 1888: Bibliographie der „Zeitschrift für romanische Philologie", 1888, Nr. 243 f.; 1889, Ni. 193.) War Arsene aU Romanist bedeutend, so warf sich sein Bruder J a m e s (1849—1894, seit 1885 Professor am College de France) auf die Orientalistik und veröffentlichte zahlreiche grundlegende Werke über vergleichende Sprach- und Religionswissenschaft, besonders des Altpersischen, so: „Haurvatät et Ameretät, cssai sur la mythologie de l'Avesta" (1875), „Ormazd et Ahriman" (1877), „Lcs origines de la poesie persane" (1888), „Lcs prophetes d'fsrael" (1892) und andere, gab afghanische Volkslieder heraus und übersetzte den ganzen Zendawesta für die große Sammlung „Sacred books of the East" des Indologen Max Müller. Posthum erschienen noch seine gesammelten Aufsatze: „Nouvellcs etudes anglaises" und „Critique et politique". — James gilt bis heute als einer der besten Kontier der heiligen Schriften der Parsen, und seine Ansicht, die Gäthäs und andere Teile des Awesta seien erst im ersten christlichen Jahrhundert unter dem Einfluß des Gnostizistnus entstanden, hat sehr viel für sich („Le zend-Avesta", III, Paris 1892, Seite 52 ff.). Wir wissen aber, daß der Gnoslizismus in seinen Anfängen stark von jüdischen Geheimlehren und jüdischer Mystik durchsetzt Von WILHELM LÖWINGER war, und so würde hier eine Beeinflussung der iranischen Nationalreligion durch das Judentum vorliegen. (Vergleiche Clemens Baeumker, „Die patristische Philosophie, Seite 268 ff., in „Allgemeine Geschichte der Philosophie", Leipzig 1913, Teil I, Band 5 der Sammlung „Kultur der Gegenwart".) Dieser Ansicht Darmesteters schließt sich auch der Pater Alexander Baumgartner in seiner großen „Geschichte der Weltliteratur", Band I, Seite 438, an. Nicht unerwähnt mag hier bleiben, daß James Darmestcters Gattin Agnes Mary F. Robinson, eine 183 7 geborene englische Jüdin, sich als talentvolle Dichterin in französischer und englischer Sprache auszeichnete und außer lyrischen Gedichten, einer Übersetzung von Enripidcs „Hippolytos" und einem Roman „Arden" auch historische Studien („Margaret of Angouleme, queen of Navarre", „The End of the Middlc Ages"), eine ausgezeichnete Biographie V. Hugos (1920) und anderes veröffentlichte. Zu den Aposteln der neu eniperblühenden Linguistik gehörte auch einer ihrer größten Vertreter überhaupt, Grazadio Isaia Ascoli (1829—1907), den mein Lehrer Wilhelm Meyer-Lübke stets nur den „großen Ascoli" nannte. Gröber bezeichnet ihn als einen der Meister der neueren Sprachwissenschaft und als den Lehrer auch der meisten italienischen romanistischen Sprachforscher. Ein glückliches Geschick, das ihm ein hohes Lebensalter beschied, und eine ausgesprochen geniale Veranlagung setzten ihn instand, ein außerordentlich reiches und ebenso vielseitiges Lebenswerk zu hinterlassen. Auch er betrat in der Linguistik vielfach terra incognita, wie wir sehen werden. Ascoli, ein Görzer Jude, also eigentlich ein Österreicher, sollte nach dem Wunsche seiner Eltern Kaufmann werden. Schon als Knabe begann er ganz autodidaktisch Sprachen zu studieren, und bereits als Sechzehnjähriger veröffentlichte er eine ausgezeichnete Arbeit über das Friaulische, worin er erkannte, daß diese Mundart eigentlich nicht als italienischer Dialekt, sondern als eigene romanische Sprache anzusprechen sei. Auch all seine anderen sprachlichen Kenntnisse erwarb er sich als Autodidakt — in Österreich und Italien gab es damals noch keine Lehrkanzeln für neuere und vergleichende Sprachwissenschaft — und als er in den fünfziger Jahren einen Sammelband „Studj orientali e linguistici" veröffentlicht hatte, erhielt der erst Einunddreißigjährige 1860 die erste Professur für vergleichende Sprachwissenschaft in Italien überhaupt, und zwar in Mailand, die er bis kurz vor seinem Tode inne halte. Zwei Generationen von Sprachforschern saßen zu seinen Füßen. Die Romanistik, die von einem Deutschen, Diez, begründet worden war, erhielt durch Ascoli ihren exakten Ausbau, die romanische Dialektologie wurde überhaupt erst durch ihn geschaffen, aber Ascoli ist ebenso bedeutend als Sanskritist, Gräzist, Latinist und Semitist, wie er denn überhaupt die meisten alten und modernen Sprachen beherrschte. Sein Hauptgebiet war die Lautlehre, eine linguistische Disziplin, die wohl am meisten Exaktheil, Scharfsinn und auch Geduld erfordert. Seine bedeutendste Arbeit auf diesem Gebiete ist die „Fonologia comparata del sanscrito, del greco e del latino" (Turin 1870), der sich „Studj critici" (1861—77) und „Lettre glottologiche" (1886) anschlössen. Zu diesen die Indogermanistik behandelnden Werken kommen dann unzählige größere und kleinere Publikationen auf dem Gebiete der Romanistik, darunter die höchst wichtigen „Saggi ladini" (1873), worin er das Rätoromanische zum ersten Male wissenschaftlich behandelte. Seit 1873 gab Ascoli auch das in Mailand erscheinende „Archivio glottologico" heraus und in dieser vornehmsten linguistischen f'aehzeitschrift Italiens sind zahlreiche seiner Arbeiten abgedruckt, so namentlich im 8. Band eine grundlegende Abhandlung über die Einteilung der italienischen Mundarten. Endlich ist Ascoli einer der ersten gewesen, die die ebenso interessante wie schwierige Theorie von der Urverwandtschaft der indogermanischen und semitischen Sprachen familie vertraten, worüber er zwei Werke, „Del nesso ario-semitico" (Estratto dal Politecnico XXL, XXII. Mailand 1864) und „Studj Ario-Semitici" (Memorie del R. Istituto Lombardo 1867) veröffentlichte. Zwar schrieb schon 1863 der deutsche Linguist R. v. Raumer über die Urverwandtschaft der semitischen und indoeuropäischen Sprachen, allein abgesehen davon, daß Ascolis Studien über diese Frage viel exakter, umfassender und aufschlußreicher sind als diejenigen Raumers, kannte er auch Raumers Arbeiten damals noch nicht, so daß ihm, wenn schon nicht die Priorität, so doch das Verdienst gebührt, dieses Problem zuerst streng wissenschaftlich und mit Erfolg behandelt zu haben. Die späteren Arbeiten über die indogermanisch-semitische Sprachverwandtschaft, die Werke von Delitzsch, Uppenkamp, Trombetti und Möller, fußen auch sämtlich auf Ascolis Materialsammlung. Daß Ascoli 1887 von der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin zu ihrem korrespondierenden Mitgliede ernannt wurde und seit 1889 Senator des Königreiches Italien war, sei nur aus dem Grunde erwähnt, weil damals die Wissenschaft und ihre Vertreter — sogar in deutschen Landen — noch frei waren von Numerus clausus und dergleichen Barbarismen. Vgl. über Ascoli Gröber, Grundriß, 1. Band, Seite 120, 123, 126 f.. 130(1.. 135 f., 143, 256, 445, 636, 855; H. Paul, Grundriß der germanischen Philologie, I. Band (2. Aufl.), Seite 124, 127; über Ascolis Verdienste um die Indogermanistik orientiert jetzt am besten der Grundriß der indogermanischen Sprach- und Altertumskunde. 2. Teil. 1. Band, Seite 51. 182—184, 240, 252, 255, 257, 265. 276, 288. 291. Vergleiche auch Meyer-Lübke, Einführung in das Studium der romanischen Sprachwissenschaft, 1909. Seite 17 ff.. 23. 25 f.. 31. 57 und passim. (Fortsetzung folgt) inHH DIE GRABSCHRIFTEN DES ALTEN JUDEN FRIEDHOFES IN EISENSTADT Bearbeitet von Dr. Bernhard! Wacfistein und die Studie: Die Entwicklung des jüdischen Grabsteines uml Uie Denkmiiler des Eisenstiidter Friedhofes von Sändor Wolf. I.XVII und G5<) Seiten; mit zahlreichen Abbildungen und Stammtafeln - Ein grundlegendes Werk jüdischer Gemeinde- und Gelehrtengeschielite Zu beziehen durch die Administration der „Men uralt* zum Preise von 200.000 Kronen in Halbleinen gebunden. IIIIIIIIIIMIIIIIIIIIIIIIII1IIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIH