Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 2 (1924)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1924)
- Article
- Der Anteil der Juden an der Sprachforschung
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 1)
- Language
- German
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16 MENORAH Der Anteil der Juden an der Sprachforschung Von WILHELM LOW INGER Die vergleichende Sprachwissenschaft, ein Kind des 19. Jahrhunderts, von zwei Deutschen, Bopp und Jak. Grimm, ins Leben gerulen, kann auf eine stattliche Anzahl von Gelehrten jüdischer Abstammung zurückblicken. Unter diesen Forschern sind einige, deren Arbeiten für die Entwicklung und den Ausbau dieser jungen Wissenschaft von allergrößter, ja epochemachender Wichtigkeit sind, so Ascoli, Benfe}', Breal, die Brüder Darmestetcr, Lazarus Geiger, Goldziher, Lazarus, Fritz Mau Inner, Mussafia, die Brüder Oppcrt, Leo Reinisch, Sanders, Steindorff, Steinthal, zahlreicher anderer nicht zu gedenken, deren Verdienste damit nicht geschmälert werden sollen. Wir werden an der Hand dieser Namen zeigen können, wie der jüdische Geist die Probleme der Sprachforschung von allen Seiten angriff und dabei sogar neue wissenschaftliche Disziplinen schuf. Niclit nur mit vergleichender Grammatik im engeren Sinne gaben sich diese jüdischen Gelehrten ab, sondern sie suchten in das Wesen der Sprachentstchung tief einzudringen und gelangten so zur Sprachphilosophie und Sprachkritik. Besonders die Nauen Lazarus Geiger, Heinrich Steinthal und Fritz Mauthncr bedeuten drei Marksteine auf dem Wege, den die Sprachwissenschaft als Philosophie von der Sprache, als Wissenschaft, die das Verhältnis von Sprechen und Denken zueinander behandelt, einschlug. Lazarus Geiger und Stcinthal betrachteten und bearbeiteten die Probleme der Sprachwissenschaft als einen Teil der Psychologie und schufen so die Wissenschaft der Völkerpsychologie; der bedeutendste Vertreter dieser Disziplin, die völlig auf den Schultern dieser beiden Jud.Mi ruht, war der erst kürzlich verstorbene deutsche Polyhistor Wilhelm Wundt, der in seinem kompendiösen Werke über Völkerpsychologie dankbar die Verdienste seines großen Lehrers Stcinthal anerkennt. Jede Idee hat ihre Vorläufer. Auch Bopp und Grimm waren tatsächlich nicht die ersten, die Sprachvergleichung betrieben. Es soll hier nicht von den etymologischen Versuchen oder besser gesagt Spielereien der griechischen und römischer Grammatiker die Rede sein, denn das berühmte Witzwort lucus a non lucendo kennzeichnet ihre Tätigkeit zur Genüge. Grammatik betrieben ja schon die alten Inder, und das berühmte Buch des Panini ist ein Wunder an exakter Analysis — allein der Sinn für Sprachvergleichung fehlte dem gesamten Altertum. Der Ruhm, als erster auf den Gedanken von miteinander verwandten Idiomen gekommen zu sein und zwar durch systematische und exakte Wort- und Formenvcrglcichung — gebührt wiederum einem Juden. Jona ib'n Gannach, mit seinem arabischen Namen Abu'l Walid Merwän, von seinen Zeitgenossen „der Stärkste der Grammatiker" genannt, schrieb um 1020 in seiner Heimat Mesopotamien eine Grammatik des Hebräischen, in welcher er diese Sprache genau mit dem Arabischen verglich und zur Aufstellung strenger Lautentsprechungen gelangte. Auch verfaßte er ein Wurzelwörlcrbuch der hebräischen Sprache als Forsetzung der Grammatik. Es gibt wenige Fragen der hebräischen Grammatik, die er nicht gründlich erörtert hat, ja selbst vollständiger als in den neueren Werken. Unabhängig von ihm schrieb um dieselbe Zeit ein anderer Jude, Jchuda ben Koreich aus Tiharct in Nordafrika, in Form einer „Risälet", worunter die arabischen Schriftsteller etwa das verstanden, was wir heule einen „Essay" nennen, ein vergleichendes Werk über die semitischen Sprachen, deren Zusammenhang er klar erkannte. Er beweist darin aus den Flexionen und Präfixen, daß die hcbiäischc, chaldäische und arabische Sprache in diesem Belange „mit gleichen Stempeln geprägt" seien, und unterscheidet dies Verhältnis bestimmt von Entlehnung, der er allerdings einen zu großen Spielraum läßt; er erkennt gleichfalls die Lautcntsprechungsgcsctzc und stellt zur Verglcichung des Sprachgebrauches sogar Koran- und Bibclstcllen einander gegenüber. So bildete die hebräische Sprachforschung für das europäische Sprachstudium vor dem Aufblühen der indogermanischen Sprachwissenschaft einen verhältnismäßig nicht unfruchtbaren Inhalt. Sieben Jahrhunderte später hat ein englischer Orientalist, Edmund Castellus, einen Thesaurus der semitischen Sprachen zusammengetragen, ohne jedoch, so nahe dies auch zu liegen scheint, zu dem Gesichtspunkt der Wortvcrglcichung und zur Formulierung von Lautgesetzen zu gelangen. Die Anzahl der den beiden genannten Juden folgenden jüdischen Linguisten bis zum Wicdererwachen der Wissenschaft in Europa ist noch sehr groß, allein keiner reicht mehr an die Bedeutung von Jona ib'n Gannach heran. Seine Arbeiten bilden die Quelle aller nachfolgenden, unter denen noch Joseph ben Caspc in Barcelona (um 1330) und David Qimchi aus Narbonne (um 1300) hervorragen. Von ihnen führt ein ununterbrochener roter Faden hinüber in die moderne Sprachwissenschaft. Es mag an dieser Stelle erwähnt sein, daß Bopp und Grimm als Sprachvcrgleichern, auch wenn man von ihren jüdischen Vorläufern absieht, dennoch nicht die Priorität gebührt, denn schon 1730 schrieb der Schwede Strahlenberg ein sprachvcrglelchcndcs Werk über die uralaltaischcn Idiome, und nach ihm bearbeiten zwei Ungarn, Sajnovics (1770) und S. Gyarmathi (1799), die finnischen Sprachen mit vergleichender Methode, von dem Dänen Rask abgesehen, der kurze Zeit vor Grium schon das wichtige Lautverschiebungsgesetz, das gewöhnlich das Grimmsche Gesetz heißt, feststellte, so daß also der Satz, zwei deutsche Gelehrte hatten die vergleichende Sprachforschung geschaffen, sich nur sehr bedingt, nämlich in Hinsicht auf die indogermanischen Sprachen, aufrecht erhalten läßt. Kaum war aber diese neue Disziplin, die Indogermanistik, entstanden, da wandten sich ihr schon jüdische Geister mit regstem Eifer zu und trugen höchst Bedeutendes zu ihrer Enwicklung und Förderung bei. Unmittelbar an Bopp, den Altmeister der Indogermanistik, schließt Michel Breal (1832 bis 1915) an. Aus Landau in Rheinbavern, aber von französischen Eltern stammend, studierte er in den fünfziger Jahren in Berlin bei Bopp seihst und Weber Sanskrit, wurde 1859 Beamter an der kaiserlichen Bibliothek in Paris, 1866 Professor der vergleichenden Grammatik am College de France, 1875 Mitglied des Instituts; 1879 bis 1888 war er Generalinspektor des öffentlichen Unterrichtes für die höheren Schulen Frankreichs, Er zählte zu den 40 Unsterblichen. Von seiner Dankbarkeil für seinen Lehrer Bopp zeugt seine Übersetzung von dessen Hauptwerk, die als „Grammairt comparee des langucs indoeuropeennes" (l£66—74) in 5 Bänden, durch wertvolle Einleitungen bereichert, erschien. Seine zahlreichen Originalarbeitcn beschäftigen sich mit der Sprache und der Mythologie der Griechen — er war ein Gegner der sogenannten symbolischen Schule — mit dem Lateinischen, der französischen Orthographie und anderem. Über Breals mythologische Arbeiten sei hier bloß gesagt, daß er in Frankreich der erste war, der die Mythologie vergleichend betrieb. Besonders grundlegend waren seine Studien über die Lehre Zoroastcrs. Auf diesem Gebiete knüpfte dann J. Darmestetcr an ihn an. Was die Ausgabe der iguvinischcn Tafeln, des umfangreichsten und wichtigsten Sprachdenkmals der altumbrischen Sprache betrifft, gebührt Breal der Ruhm, diesen Text restlos entzidert zu haben. Ebenso bleibt sein etymologisches Wörterbuch der lateinischen Sprache der erste und bis auf Waldes Arbeit der einzig wertvolle Versuch auf diesem Gebiete. Seine Übersetzung von Bopps Hauptwerk aber brach den indogermanischen Studien in Frariklcich überhaupt erst Bahn. Charakteristisch für den kritischen und zugleich schöpferischen Geist dieses jüdischen Gelehrten ist, daß er keineswegs bei der rein grammatikalischen Analysis sprachlicher Erscheinungen stehen blieb, sondern zur Spiachphilosophie weiterschritt. Auf diesem Gebiete, das bis heute die ureigenste Domäne jüdischen Ticfsinncs und jüdischer Kritik geblieben ist, hat er äußerst wertvolle Gedanken geäußert. In einem Vortrag am Institut de France, „Comment les mots sont classes dans notre esprit", sagte er: „Nous sommes ous, plus ou moins, des dictionnaires vivants c'e la langue francaisc. ' („Wir alle sind, mehr oder weniger, lebende Wörterbücher der französischen Sprache.") Dies ist der Gedanke von der Sprache als Weltkatalog, den dann Fritz Mauthner in seiner „Kritik der Sprache", wohl dem Bedeutendsten, was über Sprachphilosophic überhaupt geschrieben worchn ist, durchgeführt hat. Ein „Essai de semantique" ist gleichfalls sehr lesenswert, besonders deshalb, weil Bracl darin ganz richtig erkennt, daß die Lehre von der Bedeutung der Wörter nur mit Hilfe der Psychologie einer ersprießlichen Behandlung fähig ist. In einem Aufsatze „Fiber die indoeuropäischen Wurzeln" (in „Melangcs de Mythologie et de Linguistique", Seite 375 ff.), den Mauthner eine der feinsten und reifsten Arbeiten auf dem Gebiete der Sprachwissenschaft nennt, kritisiert er mit größter Skepsis die Versuche, eine indoeuropäische Ursprache zu kontruicren. Und weiter kommt er zu dem Schlüsse, es sei aus den Wurzeln keine Belehrung zu ziehen für die Frage nach dem Ursprung der Sprache. „Das erste Stammeln des Menschen hat nichts gemein mit den in ihrer Form so fest begrenzten und in ihrer Bedeutung so allgemeinen Lautzeichen, wie dhä (stellen), vid (sehen, wissen), man (denken). Der Irrtum wäre ungefähr derselbe, wenn man die alten griechischen Münzen mit ihrer reinen Prägung für das erste von den Menschen erfundene Tauschmittel ausgeben wollte." Als Pädagoge entfaltete Breal eine umfassende und segensreiche Tätigkeit für das französische Schulwesen, weshalb man ihm das Amt eines Gencralinspcktors des öffentlichen Unterrichtes anvertraute. Lebhaft beteiligte er sich auch an den Kontroversen über die Reform der französischen Orthographie, die allerdings an dem Widerstande der konservativ gerichteten Akademiker scheiterte. Eigentümer, Verleger und Herausgeber: Dr. NORBERT HOFFMANN, Wien, IX., Bcrggassc 31 - Verantwortlich für die Redaktioi IV., Rainergasse 25. — Druck: ELBEMÜHL, Wien, IX., Berggasse 31 FRIEDRICH. MATZNER, Wien