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Menorah · 1924-01-01 · Heft 1 (Januar 1924) · p. Seite 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
2 (1924)
Issue
Heft 1 (Januar 1924)
Article
Der Jude und die Musik
Date
1924-01-01
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 M E N O R A H Kontrapunkt als neues Bauprinzip rettet nicht aus dem Dilemma der Form. Soweit die Musik problcmhaft ist, nimmt der Jude an ihr hervorragend teil; und doch hat ein Jude, eben Mahler, daß große Problem einer Versöhnung der Instrumental- und Vokalmusik für sich zu lösen unternommen. Die Frage aber ist, ob man die Synthese des Jüdischen mit dem Europäcrtum überhaupt zu versuchen hat. Jener Emest Bloch, der in Amerika als im Grunde Heimatloser lebt und seine Rasse in der Grundempfindung stark hervorhebt, hat seine endgültige Technik noch nicht gc- Reb Schachne's Hände und Füße zitterten; ein unerträglich bitterer Geschmack stieg in seinem Munde auf. Er saß auf einem Stuhl und horchte auf die gräßlichen Töne der Straße, das Pfeifen und Singen, das Klingen und Klirren zerbrechender Scheiben; ihm war es, als schrie, krache und klinge es in seinem Kopf. Der Pogrom hatte so plötzlich begonnen, daß er nicht einmal Zeit gehabt hatte, seinen Laden zu schließen, und über Hals und Kopf nach Hause gelaufen war. In der Wohnung traf er keine Seele. Sarah und die Kinder haben sich anscheinend irgendwo versteckt und das Haus mit dem bißchen Silber und Gold in Gottes Hut gelassen. Er selbst dachte nicht daran, sich zu verstecken, er dachte überhaupt nicht. Er achtete bloß auf das Toben der Straße und auf den bitteren Geschmack, der auf seiner Zunge lag. Der Lärm des Pogroms näherte sich bald und entfernte sich wieder wie Feuer in der Nachbarschaft; plötzlich umfing er das Haus von allen vier Seiten. Die Fenster begannen zu krachen, Steine flogen ins Zimmer und mit einem Male krochen durch ein Fenster Menschen, meist halbwüchsige Burschen, mit Stöcken und Messern, die Gesichter rauschgerötet. Reb Schachne fühlte, er müsse etwas tun. Mühsam erhob er sich vom Stuhl und vor den Augen der Pogrombande kroch er unter das Sofa, welches im Zimmer stand. Dröhnend lachte die Bande. „Ein Schlaukopf!" — rief einer und packte ihn beim Fuß. „Heda, auf!" Er kam zur Besinnung und weinte wie ein kleines Kind. „Liebe Kinder, ich will euch selbst zeigen, wo das Geld, das Silber liegt, wo alles liegt. Schlagt mich nicht! Schlagt mich nur nicht! Warum wollt ihr mich schlagen? . . . Ich habe Weib und Kind. . . . Es nützte nichts. Sie nahmen alles, und ihn schlugen sie, in die Zähne, in die Seilen, in den Beiuch, mit wilder Lust. Er weinte und bat. Sie schlugen. Einen von den Burschen kannte er und bat ihn um Erbarmen: „Wassil, lieber Wassil! Du kennst mich doch . . . dein Vater hat bei mir im Haus gearbeitet. . . . Sag', hab* ich ihm nicht bezahlt? ... Er hat gut verdient bei mir. . . . Wassil! . . . Lieber Wassil! . . . Weh' weh! Ret—" funden. Daß er das Schöpferische des Juden bestätigt, läßt sich nicht mehr bezweifeln. Weniger einleuchtend sind die Versuche russischer Juden, wie Achron, Krein, Engel. Der bisher von den Juden durchrncssenc Weg, ein hundertjähriger Weg, hat mitten durch den von ihnen geschaffenen Musikbetrieb gefuhrt und doch Starkes und Eigenes gebracht. Eine religiöse Kunst haben sie nie gehabt, aber die Musik ihrer Besten, Frucht der widerstreitenden Eigenschaften ihrer höchst musikempfänglichen Rasse, ist Religion, voll des Glaubens an den Wert der tragischen Anlage für die Kunst. Ein Stoß in die Herzgegend zerriß das bittende Wort. Zwei Kerle setzten sich auf ihn und preßten ihre Knie an seinen Bauch. Wassil, ein kleiner, magerer Kerl mit schiefem Gesicht und grauen Augen, lächelte wichtig und sprach: „Was ist d'ran? . . . Hast gezahlt, natürlich, der Batko') hat gearbeitet und du hast gezahlt. Ich möcht' seh'n, ob du nicht gezahlt hättest! . . . F.s halte ihm doch gefallen, daß Reb Schachne sich an ihn um Flilfc gewendet hatte, und er wandte sich zu den anderen: ..Also, Genossen, genug. Laßt das Aas leben. Ihr seht ja, er pfeift schon aus dem letzten Loch! . . . Allmählich ließen sie von ihrem Opfer ab und gingen langsam aus dem Flausc. Auf dem Wege zerbrachen sie noch alles, was sie vorher ganz gelassen hatten. „Nun, Schachne, mir hast du es zu verdanken, daß du leben geblieben bist" — sagte Wassil zu Reb Schachne, welcher mit gesenklern Kopf und erschlagenem Gesicht schwer atmend vor ihm stand. „Sie hätten nicht viel Geschichten mit dir gemacht, wäre ich nicht da. . . ." Er wollte gehen. Plötzlich kam ihm ein Einfall. „Da" — er streckte Reb Schachne seine Fland hin —, „Küssen!" . . . Reb Schachne hob die blutunterlaufenen Augen und sah ihn verwirrt an. Er begriff nicht. Wassils Gesicht umwölkte sich. „Hast du gehört? Was? . . . Küssen sollst du!" Zwei Kerle waren in der Türe stehen geblieben, interessiert für das, was da vorging. Reb Schachne blickte auf Wassil und schwieg. Wassil wurde bleich vor Wut. „Ah, du verdammtes Judcngcfrieß!" — er knirschte mit den Zähnen und versetzte Reb Schachne einen Faustschlag ins Gesicht — „du zierst dich noch?! . . . Genossen, heda, kommt her!" . . . Die zwei Kerle kamen näher. „Los! Nehmt ihn in die Arbeit. Wenn er so ein verflucht großer Herr ist, muß er mir schon den Fuß küssen. Wann nicht . . ." ') Vater. Er setzte sich auf einen Stuhl. Die zwei anderen faßten Reb Schachne und warfen ihn vor Wassils Füße. „Ausziehen!" — befahl Wassil, indem er ihm mit dem Stiefel einen Tritt gab. Reb Schachne zog langsam den Stiefel von Wassils Fuß. „Küssen!" . . . Ein roter, schmutziger Fuß, von dem schwerer Schweißgeruch ausging — davor ein zerschlagenes Gesicht mit langem, ehrwürdig dunklem Bart. Zufällig hatte sich die Bande mit diesem Bart wenig befaßt. Er war wohl an einigen Stellen zerzaust und verwüstet, doch lag noch auf ihm die ganze Würde eines erwachsenen Juden, des Hauptes seiner Familie. Von oben her blickte Wassils grünes, schiefes Gesicht mit den grauen Augen. „Küssen, sag' ich! . . ." Wieder begleitete ein Fußtritt den Befehl. Einen Augenblick waren alle im Zimmer stumm und unbeweglich. Dann beugte Reb Schachne seinen Kopf, und Wassil stieß einen Jurchtbaren Schrei aus. Alle Finger seines Fußes und einen Feil der Fuß fläche waren in Reb Schachnes Mund verschwunden und zwei Zahnreihen gruben sich tief in das schmutzige Fleisch. Was nachher kam, war schwer und grauenvoll, wie ein wahnsinniger, böser Traum. Die zwei Kerle traten mit ihren Stiefeln auf Reb Schachne aus aller Kraft, so sehr, daß es bei jedem Tritt dumpf und hohl klang wie aus einem Faß. Sie rissen ihm den Bart büschelweise aus, gruben ihm die Finger in die Augen und rissen sie aus, suchten die empfindlichsten Stellen seines Körpers und rissen Stücke aus ihm. Der Körper zitterte fiebrisch, warf sich hin und her, und die zwei Zahnreihen drückten sich nur noch konvulsivischer zusammen, drangen immer tiefer, und im Fuß krachte etwas: die Zähne, die Knochen oder beides. Und unaufhörlich schrie Wassil, sinnlos-wild, wie ein Schwein unter dem Schlachtmcsscr. Wie lang das dauerte, wußte keiner der beiden Kerle. Sie kamen erst zu sich, als sie merkten, daß Reb Schachnes Kopf sich nicht mehr bewegte. Sic blickten auf sein Gesicht und beide zitterten am ganzen Leib. Die ausgerissenen Augen baumelten neben ihren blutigen Höhlen, groß, glasigbleich und klebrig. Das Gesicht war nicht mehr zu erkennen. Der Bart bildete blutignasse Strähne. Die toten Zähne, die den Fuß umschlossen, starrten hervor wie das Gebiß eines erschlagenen Wolfes. Wassil warf sich hin und her — nicht mehr auf dem Stuhl, sondern auf der Erde. Sein Leib ringelte sich wie eine Schlange, und aus seiner Kehle drangen abgerissene, heisere, langgezogene Töne. Seine grauen Augen waren groß und glänzend. Er war verrückt. Mit einem erschrockenen „Gott schütze uns!" liefen die zwei Kerle aus dem Hause. In den Straßen raste der Pogrom und in seinem wirren Lärm hörte keiner die abgerissenen, heiseren Schreie des Lebenden, welcher langsam hinstarb in den Zähnen des Toten. L. SCHAPIRO DER KUSS Aus dem Jüdischen übert.agen von SIEGFRIED SCHMITZ. Nur wer pünktlich sein! Abonnement erneuert, kann auf regelmäßige Zustellung rechnen

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