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Menorah · 1923-01-01 · Heft 6 · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Glückel von Hameln
Date
1923-01-01
Page
Seite 12 (sequence 2)
Language
German
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12 MENORAH von den Kindern. Glückcl wird nichl müde, von ihren Kindern zu erzählen, wobei sie allerdings Wichtiges und Unwichtiges ohne Wahl zusammenträgt und getreulich registriert. Besonders umständlich sind ihre Berichte über die glänzenden Heiratspartien ihrer Kinder. In diesem Funkte ist die Berichterstattung der Glückel fast lückenlos. Alle Einzelheiten werden uns mitgeteilt, selbst die Mitgift jedes einzelnen Kindes wird genauestens angegeben. So erfahren wir, um nur einige Beispiele anzuführen, daß Zipora 2200 Reichstaler in holländischem Geld mitbekommen, daü 'Nathan 2400 Reichstaler Banco als Mitgift erhalten habe; der Enkel Elia hat sogar, wie Glückel mit sichtlichem Stolz berichtet, ,,mit Geschenken nicht mehr als 30.000 Rcichstalcr zusammengebracht". Prächtig ist die Schilderung der Hochzeit ihrer ältesten Tochter in Cleve. Es war eine glanzvolle Hochzeit. Die Feier wurde noch dadurch ausgezeichnet, daß ihr außer sämtlichen Gemeindcmitgliedcrn von Cleve auch der Kurprinz Friedrich, nachmals Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg und später König Friedrich I. von Preußen, und Fürst Moritz von Nassau als Gäste beiwohnten. Glückel gibt eine fesselnde Schilderung von dieser Hochzeitsfeier; sie erzählt von Elia Cleves großem Prunkgemach, das mit goldenem Lcder ausgeschlagen war, und von den vornehmen Gästen, die darin „akkommodiert" (so schreibt die Glückcl!) waren, und von den auserlesenen Weinen und den feinsten Leckerbissen, womit die vornehmen Gäste traktiert wurden. Aber mitten im Bericht, sozusagen mitten unter die fürstlichen Gäste und die auserlesenen Weine und die feinen Früchte und Konfitüren schiebt sie ihren kleinen Mordechai und fährt fort: „Mein Sohn Mordechai war damals ein Kind von ungefähr fünf Jahren; es gab kein schöneres Kind in der Welt, und wir hatten ihn sehr schön und sauber gekleidet. Alle die Vornehmen haben ihn schier aufgefressen und besonders der Prinz hat ihn stets bei der Hand gehalten." Diese Schilderung offenbart uns einen Wesenszug, der echtjüdisch mütterlich ift. Sie zeigt uns, daü die Mutterliebe den tiefen Grundton ihres Herzens bildet, und dafi alle ihre Gedanken und Gefühle nur als Nebenschwingungen dieses Grundtones zu betrachten sind. Glückel von Hameln ist durch ihre „Denkwürdigkeiten" berühmt geworden. In sieben Büchelchen hat sie ihre Lebensgeschichte beschrieben, und manches Büchelchen ist, da sie mit dem Wort nicht kargte, unter der Hand zu einem Buche angeschwollen. Aus dem Memoirenbuch der Glückel spricht ein redseliges Altmütterchen zu uns, und wir hören ihr so gern, so herzensgern zu, weil Altmütterchen es doch so gut, so herzensgut mit uns Kindern meint. Es will mir scheinen, daß man sich die Glückcl gar nicht anders vorstellen kann als ein Altmütterchen, das an lauen Sommerabenden in einer lau-, schigen Gartenecke oder in kalten Winternächten am häuslichen Herd ihre Kinder um sich versammelt und ihnen allerhand Geschichten, Begebenheiten aus ihrem Leben erzählt. Die Glückel erzählt ihre Lebensgeschichte, ihre großen und kleinen Freuden und Leiden, ihr Wohl und ihr Wehe — wer wird da so grausam sein und sie nicht ruhig ausreden lassen? Zumal da sie so schön und fesselnd zu erzählen versteht. Sie unterbricht sich öfters, flicht wie unabsichtlich in ihre Lebenserinncrungen hier eine erbauliche Erzählung, dort eine weise Lehre ein, sie kennt keine geordnete Reihenfolge, verwechselt nicht selten Zeiten und Menschen und macht zwischen Vor und Nach nicht immer den richtigen Unterschied — was tut's? Sie ist nun einmal so, die kluge und gesprächige Glückel von Hameln, und ihr Buch ist ja gerade deshalb so schön, weil es im Grunde nur die einzige sittliche horderung enthält, sie so zu nehmen, wie sie ist. Ein vielgenannter Gelehrter unserer Zeit hat die Glückel mit krau Rat, der Mutter Goethes, verglichen. Das Kompliment, das diese Gleichstellung enthält, ehrt unsere Glückel um so mehr, als sie es vollkommen verdient. Und dennoch ruht die Ähnlichkeit dieser zwei hervorragenden Frauengcstalten nur in der ihnen eigentümlichen natürlich ungezwungenen Redseligkeit und in der Lust zum Fabulieren. In allem andern war Glückel 'iur sie selbst, die kluge, arbeitsame und mildtätige Plnmburger Jüdin des siebzehnten Jahrhunderts. Nichts ist bezeichnender für diese Frau als der Umstand, daü sie ihre Memoiren geschrieben hat. Wer seinen inneren Wert nicht kennt, kommt für gewöhnlich nicht auf den Gedanken, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Bei aller Bescheidenheit hat die Glückel sich für wert gehalten, sich selbst zu verewigen. Das zeugt von einer gesunden Schätzungsgabe, die die eigene Person, ihre Umgebung und ihre Zeil richtig einzuschätzen weiß. Erstaunlich ist, wie geschickt Glückel die Sache anfaßt. Sie stellt sich mitten in ihre Umgebung und fertigt somit den Rahmen zu ihrem eigenen Bilde an. Die interessantesten Begebenheiten aus ihrem eigenen Leben und die wichtigsten Geschehnisse aus der Geschichte ihrer Zeit trägt sie zusammen und gestaltet daraus ein Kulturbild von bleibendem Wert. Glückel hat fast alles, was sie gesehen oder gehört, was sie persönlich erlebt oder woran sie bloß als Zuschauerin teilgenommen hat, in ihrem Buche aufgezeichnet. Bald an dieses, bald an jenes Vorkommnis knüpft sie manche treffliche Bemerkung. In ihrem Urteil macht sich ein gewisses Sichgehenlassen bemerkbar, eine Ungezwungenheit, die wohltuend wirkt. Sie wirft so im Vorbeigehen irgend eine Bemerkung hin, mit einer Sicherheit, als sei jeder Zweifel an der Richtigkeit ihrer Auffassung ausgeschlossen. Über den schwedisch-dänischen Krieg spricht sie mit demselben Gleichmut wie über eine Messe in Frankfurt am Main, über den Chmielnicki-Aufstand spricht sie mit derselben Ruhe und Gelassenheit wie über einen belanglosen Handel mit so und so viel Unzen Perlen. Nur wenn sie von ihren persönlichen Erlebnissen erzählt, wechselt Glückcl ihren Ton. Aber die persönlichen Erlebnisse machen nur einen Teil ihrer Memoiren aus, denn Glückel erzählt viel über vieles. Sie überliefert uns manche wissenswerte Daten über das jüdische Gemeindelcben in Deutschland; über einen geheimnisvollen Judcninord, der durch die Unevschrockenheit einer jüdischen Frau aufgedeckt wurde, macht sie recht ausführliche Angaben; sie berichtet uns über eine tragische Katastrophe, die sich in der Synagoge zu Metz ereignet hat. Nächst dem Briefwechsel Spinozas ist das Buch der Glückel wohl das einzige Werk, worin ein Zeitgenosse Sabbathai Zcwis über die unter diesem Namen bekannt gewordene pseudomcssia nische Bewegung mit unparteiischer Sachlichkeit berichtet. Besonders zahlreich sind in den Denkwürdigkeiten die Berichte über allerhand Geld- und Geschäflsangelcgenheitcn. Werner Sombart hat sie gezählt, und ei hat diesmal richtig gezählt; nicht weniger als an 609 verschiedenen Stellen in den Memoiren der Glückel ist von Geld, Reichtum, Erwerb usw. die Rede (auf 313 Seiten). Glückel liebt das Geld, sie besitzt den Willen zum Reichtum, das steht fest (jede Seite ihres Buches beweist es); aber sie braucht sich dessen nicht zu schämen. Ihr Wille zum Reichtum ist von der gemeinen Geldgier so weit verschieden wie 1-rönimigkeit von Bigotterie, wie Freigebigkeit von Verschwendungssucht. Der Reichtum war der Glückcl nie Selbstzweck; sie wollte ein Leben in Ehren führen, deshalb strebte sie nach Reichtum. Es ist bezeichnend, daß Glückel fast nie das Wort Reichtum erwähnt, ohne ihm clas Wort Ehre anzuschließen: Ihr Schwiegervater habe in Reichtum und Ehre gelebt, ihr Gatte sei in Reichtum und Ehre gestorben, sie selbst habe ihre Kinder in Reichtum und Ehre verheiratet. Auch der Hebräer gebraucht Reichtum und Ehre — oscher w'kabhod — als eine Wortpaarung, die eine Begriffseinheit darstellt, ähnlich wie im Deutschen Haus und Hof, Feuer und Flamme, Amt und Würden. Glückeis Hoffnung auf Reichtum und Ehre war nicht trügerisch. Die Glückel war eine Glückliche. Sic war eine vom Schicksal Bevorzugte, eine vom Glück Begünstigte. Im Hause wohlhabender unc angesehener Eltern war ihr eine herrliche Jugend'tit beschieden. Dreißig volle Jahre des Glückes und der Zufriedenheit verlebte sie an der Seite Chaim Hamelns. Von den dreizehn Kindern, die sie ihm gebar, blieben zwölf am Leben und waren allesamt wohlgestaltet und wohlgeartct. Ihre Söhne waren Rabbiner, Vorsteher oder sonst angesehene Mitglieder in ihren Gemeinden; ihre Schwiegersöhne standen an Wohlhabenheit, Ansehen und Gelehrsamkeit den Söhnen nicht nach. Ihre Töchter waren durch Schönheit und Tugenden ausgezeichnet und lebten treu den Traditionen ihres Elternhauses. Das Geschlecht derer von Hameln breitete sich aus und zählte zu den angesehensten Familien der Judcnheit. Ihre letzten Jahre in Metz, wo Glückcl mit Cerf Levy eine zweite Ehe einging und in dieser Ehe manche Enttäuschung erlitt, lebte sie (nach dem Tode ihres zweiten Gatten) im Hause ihres Schwiegersohnes, von den ihrigen wie eine Fürstin verehrt. Glückel starb im Jahre 1724, im Greiscnalter von achtzig Jahren. Pyjama-Anzüge m(H)0--Erkannt Fried UäS%

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