Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Landschaft im westlichen Judäa [Illustration]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 1)
- Language
- German
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n MENORAH GLÜCKEL VON HAMELN / VON S. MEISELS (WIEN) Die Glückel! Eigentlich sollten wir sie alle so nennen, die kluge Glückel von Hameln. Man sollte von ihr sprechen, wie man von der Sarah, der göttlichen, von der Rahel, der geistvollen, spricht, obwohl die Glückel weder göttlich noch geistvoll war. Sie war weniger und zugleich mehr als das: sie war ein Mensch mit gesundem Menschenverstand und mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Die Glückel war eine Persönlichkeit, wenn das Wort die innere Geschlossenheit der geistigen und physischen Kräfte, das harmonische Zusammenwirken von Kopf und Herz bedeutet. Kein Unechtes war in ihrem Wesen, keine Falschheit in ihrem Herzen, keine Heuchelei in ihrer Güte, kein Hochmut in ihren Reden und keine Scheinheiligkeit in ihrer Gottesfurcht. Die Glückel war ein jüdisches Weib und ein naturwahres Menschenkind. Glückel von Hameln war gewissermaßen die Stammutter der Hamburger Judengemeinde. Ihr Vater war nämlich einer der ersten deutschen, oder wie sie zu damaliger Zeit genannt wurden, hochdeutschen Juden, die die „Stättigkeit", das heißt die Erlaubnis zur Niederlassung, erhalten hatten. Als Glückel noch keine drei Jahre alt war, wurden alle deutschen Juden — im Gegensatz zu den portugiesischen Juden, die vertragsmäßiges Niederlassungsrecht in Flamburg hatten — von Hamburg ausgewiesen. Sie zogen nach Altona, das damals unter dänischer Botmäßigkeit war, da sie vom Dänenkönig Christian IV. gute Schutzbriefe hatten. Nach einiger Zeit gelang es jedoch Loeb Pinkerle, dem Vater Glückeis, das Wohnrecht in Hamburg zu erlangen. Er war, wie Glückel berichtet, der erste deutsche Jude, der sich wieder in Hamburg niedergelassen hatte; ihm folgten dann andere Juden aus Altona, die vor der Austreibung in Hamburg ansässig waren. Loeb Pinkerle war demnach in gewissem Sinne der Begründer oder doch der Erneuerer der Hamburger Aschkenasimgemeinde. Da er sich eines großen Ansehens erfreute, wurde er zum Vorsteher gewählt, welches Amt er zum Wohle der Gemeinde lange Jahre bekleidete. Kann man also mit gutem Grund Loeb Pinkerle den Vater der Hamburger jüdischen Gemeinde nennen, so wird man auch ohne Bedenken seine Tochter, die Glückel von Hameln, als ihre Stammutter bezeichnen dürfen. Die Glückel wurde im Jahre 1646 in Hamburg geboren. In der kurzen Einleitung zu ihrer Lebensgeschichte schreibt sie: „Es wird sich wohl am besten schicken, daß ich mit meiner Geburl anfange. Es war — meine ich — im Jahre 5407 (— 1646 47) in der Gemeinde Hamburg, dafi mich nieine fromme Mutter zur Welt gebracht hat. Wenn auch unsere Weisen sagen: ,Es wäre besser, wenn man nicht erschaffen wäre', weil der Mensch auf dieser sündigen Welt so viel ausstehen muß, so danke ich doch meinem Schöpfer und lobe ihn, daß er mich nach seinem Willen und Wohlgefallen geschaffen hat und bitte ihn, mich in seinen heiligen Schulz zu nehmen." Aus diesen wenigen Worten spricht eine Jüdin, die so urjüdisch ist, daß man sie gleich auf den ersten Blick erkennt. Mit vierzehn Jahren heiratete die Glückel den wackeren, in geschäftlichen wie in gelehrten Dingen gleich gut bewanderten Chaim Hameln, dessen sagenumwobener Heimat sie ihren Namen verdankt. Ein Jahr wohnte das junge Ehepaar in Hameln, wo es gemäß der Sitte jener Zeit im Flause der Eltern Wohnung und Kost erhielt. Nach Ablauf dieses Jahres zogen sie nach Hamburg, „da Hameln kein Handelsplatz war'". Mehr als fünfzig Jahre hat Glückel in Flamburg gelebt. Dreißig Jahre war sie mit Chaim Hameln in glücklichster Ehe verbunden, und sie gebar ihm dreizehn Kinder, Söhne und Töchter. Es war ein schönes Heim, das Fleim des Chaim und der Glückel von Hameln, Gottes Segen ruhte darauf und der materielle Besitz und die zahlreiche blühende Kinderschar mehrte das häusliche Glück. Wenn Glückel in aufrichtiger Frömmigkeit mit ergreifend schlichten Worten ihrem Schöpfer dankt, daß er allezeit ihrem Flause getreulich beigestanden, und seinen Namen pieist für alles Gute, das er ihrem Hause erwiesen habe, so hat sie wahrlich Grund genug zu solchem Dankgebet. Denn als junge, unerfahrene Kinder sind Chaim und Glückel nach Flamburg gekommen, und sie brachten es hier zu Wohlstand und Ansehen; draußen blühte das Geschäft, darinnen das Familienglück, und daraus erwuchs ihnen der Erdenkinder höchstes Glücksgefühl: die Zufriedenheit. Da kam das Schicksal und forderte seinen Tribut — Chaim Hameln starb. Die dreiundvierzigjährige Witwe mußte nunmehr das weitverzweigte Geschäft ihres Gatten allein weiterführen und für die Erziehung der großen Zahl ihrer minderjährigen Kinder sorgen. Sie erwies sich in beiden Fällen als äußerst tüchtig und gewandt. Glückel bietet uns das bewundernswerte Beispiel einer Frau, die geschäftlich angestrengt tätig ist und dabei keine ihrer Mutterpflichten vernachlässigt. Glückel von Hameln als Mutter vereinigt in sich so ziemlich alle Vorzüge und Mängel, die als die spezifischen Merkmale der jüdischen Mutter anzusprechen sind. Soweit sie sich in Zärtlichkeiten ergeht, ist ihre Mutterliebe blind, sie hat dagegen hundert Augen, sofern Wachsamkeit bei der Erziehung nottut. Wer kennt nicht die Anekdote von der jüdischen Mutter, die auf die Frage, welches Kind denn in der Schule das ihre sei, prompt antwortet: das schönste. Das ist die Glückel von Hameln. Es ist höchst unterhaltend, in ihren „Denkwürdigkeiten" zu lesen, wie sie zu ihren Kindern redet, und vollends ergötzlich, wenn sie von ihnen spricht. Sie zählt die Häupter ihrer Lieben und findet jedes ohne Fehl und Makel: Loeb ist ein prächtiger Junge, wie man auf der ganzen Welt keinen zweiten findet, Josef desgleichen, Freudchen ist ein kluges, schönes Kind, wie kein zweites je gesehen worden ist, Zipora ist ein schönes Kind, das nicht seinesgleichen hat, Hendele is! eine Jungfrau, die an Schönheit und Tugenden nicht ihresgleichen findet, ein schöneres Kind als Mate ist in der Welt nie gesehen worden — und so geht es in demselben Tone weiter, vom ältesten bis zum jüngsten Kinde: alle sind sie schön und eins schöner als das andere und jedes obendrein das schönste. Die redselige Glückel wird zum sprudelnden Quell, wenn sie von ihren Kindern plaudert. Die Schilderungen ihrer Erlebnisse mit ihren Kindern zählen zu den schönsten Partien ihrer „Denkwürdigkeiten". Diese Schilderungen, naiv, kunstlos, wirken aufs Gemüt mehr als manche kunstgerechte poetische Erzählung. Manchmal aber wächst Glückel über sich selbst hinaus und liefert uns kleine Kabinettstücke von von packender Lebendigkeit und kraftvoller Bildlichkeit. Und zwischendurch leuchtet immer ihre Mutterliebe. Dieser Mutterliebe haben wir auch das herrliche Memoirenwerk der Glückel zu danken, denn nur für ihre Kinder, ihnen zu Nutz und Frommen, hat sie es geschrieben. Und dieses für ihre Kinder bestimmte Memoirenbuch handelt wiederum auch von ihnen,