Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Der Herbst
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MENORAH 3)er SKeröst Eine Predigt, gehalten am 16. Oktober 1826 (,V'ZpD 'S DV) in Wien von /. N. (Fortsetzung und Schluß) MANNHEIMER (1 793—1865) Landscape at Migdal (Lake of Tiberias) Landschaft bei Migdal am Tiberiassce Die Natur, die jetzt welkend und sterbend vor uns liegt, ist dieselbe, die binnen kurzem wieder erwachet zum neuen Leben. Das habt Ihr zu bedenken, Ihr Allen, die Ihr erreicht habt den Herbst Eures Lebens! Und wir ändern, wir teilen mit Euch dieselbe Hoffnung; denn wer weiß es, wer von uns zuerst hinwelkt. Vorläufig seid Ihr die Nächsten, die Ihr auch im Leben dem Winter so nahe seid. Wir andern wollen zu Gott beten, daß er uns nicht wegnehme vor der Zeil, uns aber doch rüsten, wie Ihr Euch rüstet, um täglich und stündlich des Rufes gewärtig zu sein. — Laßt uns hinausgehen in die Natur. Seht Ihr das Bild der Vernichtung und der Verwesung! Wo ist das lebendige Gewühl, das freudige Jauchzen, das den Wald bewegte! Eine liefe Ruhe — Grabesstille umgibt uns! In düstre, dunkle Farben kleidet sich der Himmel, finstre Schatten ruhen auf den Bergen. Verödet und verwüstet liegen die blühenden Fluren, als wenn der Würgengel darüber hingezogen, und wo die goldenen Ähren prangten in reicher Pracht und gedrängter Fülle — da fährt der "Wind über Stoppeln und heult ein Trauerlied — und an den Stoppeln naget der Wurm der Verwesung! Da habt Ihr das Bild des Todes! Wenn nun aber Gottes Geist wieder dreinweht? Wenn die finstern Wolken hinziehen und die dunklen Farben sind weggewischt vom Himmel — dann bricht hervor das heitere Sonnenlicht — das wärmende und belebende — und die Natur ist dann wieder erwacht zu neuem Leben! Noch nur ein Kleines, und alles das Welkende wird wieder ein Blühendes sein, und das Sterbende wird ein Lebendiges sein, und was abgefallen ist und verdorret und verwelkt, das wird nicht vermißt werden und nicht betrauert — denn es war nur da, um zu verwesen und zu verwelken. Im Innern der Erde fließt n h immer derselbe Lcbensqucll, in ihren verborgenen Tiefen lodert noch dieselbe Glut — der Quell ist nicht versiegt und das Feuer nicht ausgebrannt. Ihre Rinde — die obere Hülle — die von außen her ihre Nahrung hat und Wärme, die nicht genug hat an dem, was aus dem Innern ihr zufließt Nährendes und Stärkendes — die Rinde ist erstarret — mit ihr ist alles, was auf der Rinde haftet und aus der Rinde stammet, welk worden und abgestorben. Aber wer in der Tiefe wurzelt, was unmittelbar aus dem Innern sich erzeugt, das ist unversehrt geblieben und hat sich erhallen als ein Unsterbliches und Ewiges! Die Natur, die da vor uns liegt so welkend und sterbend, ist dieselbe, die uns die reichen Gaben hat gebracht. Das haben wir alle zu bedenken, die Jünglinge und die Alten, die Starken und die Schwachen! Wir scheiden aus dem heitern Leben, das die blühende und kräftige Natur jedem besseren Menschen bietet und bereitet. Wir werden nun eine geraume Zeit hindurch unser Auge nicht mehr erfreuen an dem schönen Farbenspiel und nicht einatmen den frischen, erquickenden Duft, und nicht mehr lustwandeln in dem lieblichen Schatten — aber bis dahin bleiben uns ihre Gaben und Früchte, die sie uns beim Scheiden hinterließ. Erinnert Ihr Euch noch, wie wir im jüngst vergangenen Frühling gar sehr besorgt waren, als die Stürme wüteten, und die Nachtfröste töteten, und die Regengüsse hcrabströmten, als hätten sich geöffnet die Schlcußcn des Himmels, da meinten wir, es würde die Ernte gar dürftig werden und kümmerlich? Flabt Ihr gedarbt seitdem? Geht hinaus zu den Sammelnden und sehet die Schätze, die da angehäuft liegen in den Vorratskammern! Ihr werdet sehen, daß doch immer noch genug da ist, genug für Euch und die Eurigen! Ist eins verkümmert — ein anderes ist desto reichlicher gediehen! Was nur atmet und lcbcl in der Natur, ist versorgt für den Winter und wird der Nahrung nicht crmangeln, wenn die trüben Tage kommen, da nichts wächst und nichts gedeihet! Der Wurm hat seinen Lebensbedarf und der Schweiger seinen Überfluß! Da habt Ihr das Bild eines reichen, fruchtbaren Lebens! Eine Well hat daran zu zehren an dem, was die Natur bei ihrem Scheiden uns zurückläßt. Da ist gut sterben, wo des Guten und des Erbaulichen so vieles nach uns zurückbleibt. Geht hinaus und lernet leben, um wie sie zu sterben! Geht hinaus und sehet den Segen mit an, und tut drum desgleichen, so viel an Euch ist. — Der Frühling war zerstörend und verwüstend, der Sommer hat's eingebracht — eine Lehre für Euch, Ihr Verwahrlosetcn, deren Jugendzeit hinging ohne gedeihliche Frucht! Bringt's ein — holt's nach — der Sommer ist gar kurz im Menschenleben — wenn die I lerbststürnic erst toben und die kurzen Tage kommen. Dann hat jeder Tay seine Not; ans Einholen des Versäumten ist dann nicht mehr zu denken! Wenn Ihr hinausgeht zu den Einsammelnden, zu den Freudigen, die da verwalten den Schatz — so fragt doch einmal, wem unter ihnen die Natur das Meiste, wem sie das Beste hinterließ! Ihr werdet meinen, da braucht's der Frage gar nicht. Wer die größten Äcker hatte und die besten Acker, der hat am reichlichsten gesammelt! Fragt den erfahrenen Landmann, der wird Euch eines Besseren belehren! Der Verständige und der Fleißige, der die Natur hat dienstbar zu machen gewußt, der hat das Meiste und das Beste. Der ungeschickte Bauer, der Träge und der Lässige hat nur Weniges gesammelt und dürftiges Gut, das nicht Preis hält. Die Reichbegabten, die die größten Äcker hatten, und sie nicht anbauten und hegten mit Einsicht und Geschicklichkeit, mit Fleiß und Ausdauer — die sammelten wenig — als Reiche gar wenig! Die kümmerlich Bedachten, die das Wenige zu behandeln und zu befruchten wußten — die haben, wo nicht viel — doch genug — und das ist viel! Dem einen oder dem andern haben Sturm und Regengüsse und Hagel und Unwetter manches zugrunde gerichtet oder gar das ganze Feld verwüstet! Dann blieb dem Fleißigen und dem Trägen nichts — gar nichts — von allem, was er hatte angebauet — meint Ihr — nich: doch — dem Fleißigen blieb der Trost, daß nicht seine Hände das Verderben haben angerichtet, sondern Gottes Hand, die da heilet, wo sie verwundet. Dem Fleißigen blieb das, was ihm sein Fleiß hatte erübrigt von früher, dem Fleißigen blieb die Hoffnung auf die kommende Ernte, die ihn nicht fürchten ließ. Dem Trägen blieb nichts als der Mangel! So geht denn hin, Ihr Reichbegabten und Ihr kümmerlich Bedachten, uud streuet aus Eure Saat! Früh und spat! nir ^tf 2~ > lT,,1 T",f >"T Ihr Jugendlichen und Kräftigen, laßt den Morgen nicht hingehen unbenutzt — Ihr Alten und Schwächlichen, laßt auch zur Abendzeit die Hände nicht ruhen. Weiß doch keiner, welches am besten wird gedeihen — oder ob nicht beide den Segen uns bringen. — Das gebe Gott! Amen1.