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Menorah · 1923-01-01 · Heft 5 · p. Seite 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Die Juden von Zirndorf
Date
1923-01-01
Page
Seite 8 (sequence 4)
Language
German
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8 M E N O R A H n kun wird erstehn. Das göttliche Wesen hat er allein erkannt, er, Sabbatai Zewi! Sammelt euch, Brüder, richtet euch empor, richtet eure Weiber empor, lehrt eure Kinder seinen Namen aussprechen und eure Waisen tröstet mit seinem Wort! Im Jahre fünftausendvierhundertundacht der Welt begann die Erlösungszeit zu tagen, und in diesem Jahre hat sich Sabbatai Zewi uns offenbart. Wunder über Wunder hat er verrichtet und die Juden des Morgenlandes jauchzen ihm zu." Ein furchtbarer Tumult unterbrach den Red^ ncr. Lange schon war die Kunde von dem Ereignis nach Franken gedrungen, aber stets waren es nur dunkle Laute gewesen, geheimnisvolle Andeutungen: von wandernden Mönchen, von wandernden Juden oder von Zigeunern hergetragen. Es war nur das dumpfe Geräusch eines sehr fernen Wetters gewesen, daß die Gemüter wohl in nächtlicher Stille und Träumerei zu ergreifen vermag, aber das Licht des Tages machte zweifeln und ungläubig. Zum ersten Male nun war es wie ein Trompetenstoß in die Ohren der Juden gefahren, wie ein heller, schmetternder Schlachtruf, wie ein Klirren von tausend Schildern und Schwertern, ein Auferstchungsschrci. Es wurde leuchtend um ihre Augen, rings herum ward es Tag, das bange Los der Unterdrückung schien dem Ende nahe: Sonne, Freiheit, göttliches Auscrwähltsein zu großen Dingen, Glanz und Freudigkeit und verzückte Sehnsucht, — eine wundervolle Erfüllung tausendjähriger Glaubensdienste. In ihre bedrückten Seelen fuhr es wie der Aufruf zu einer neuen Weitordnung; Knaben sahen sich zu Männern geworden, Männer ballten ihre häuste und es rieselte ihnen kalt und heiß über den Rücken. Und als der erste Taumel sich gelegt, drängten sie sich um den Fremden, bestürmten ihn um Einzelheiten und lauschten, lauschten. Vergessen war die Stunde der Heimkehr, vergessen die Gebote des Fasttags; die Weiber drängten sich aus ihren Verschlägen und hörten mit erhitzten Wangen zu. Sie sahen ihn in ihrer Phantasie lebendig werden, den geheimnisvollen Propheten von Smyrna, der am hellen Tag der Geschichte wie ein glühendes Meteor hinwandeltc und, ergriffen von lurjanischer Mystik, das Ende der Zeitalter herbeizuführen glaubte. Zacharias Naar erzählte, versunken und hingegeben, gleich einem Träumenden: wie Sabbatai seinen Leib kasteite und Sommer und Winter, bei Tag oder bei Nacht im Meer badete. Wie sein Leib vom Wasser des Ozeans einen Wohlgeruch erhielt und sein Auge klar davon wurde. Niemals hatte er ein Weib berührt, und obwohl er zwei Frauen vermählt worden war, mied er sie und verstieß sie bald. Ernst und einsam war sein Wesen, und er hatte eine schöne Stimme, mit der er die kabbalistischen Verse oder seine eigenen Poesien sang. Das Jahr scchszehnhundertsechsundsechzig bezeichnete er als das messianischc Jahr; den Juden sollte es eine neue Herrlichkeit bringen und sie sollten nach Jerusalem zurückkehren. Seine Seele ergab sich jauchzend dem süßen Rausch des Gottcsbewußtscins. Man hatte ihn von Smyrni verjagt, aber da brach das glimmende Feuer zur verheerenden Flamme aus: seine Demütigung war seine Größe geworden und seine Verklärung. Er ließ zu Salonichi ein Fest bereiten und vermählte sich in Gegenwart seiner Freunde feierlich mit der heiligen Schrift: Thora, die Himmelstochter, ward mit dem Sohn des Himmels in unzertrennlichem Bund vereinigt. Fünfzig Talmudisten speisten an seiner Tafel und kein Armer ging hungrig von seiner Türe. Er vergoß Ströme von Tränen beim Gebet, und nächtelang sang er bei hellem Kerzenlicht die Psalmen. Er sang auch Liebcslicder. Er sang das Lied von der schönen Kaisertochter Mcllisclde: Aufsteigend auf einen Berg und niederschreitend in ein Tal, kam ich zur schönen Melliselde in des Kaisers Krönungssaal. Mild kam sie einher mit flutendem Haar und ihr Antlitz milde, süß ihre Stimme war; ihr Antlitz glänzte wie ein Degen, ihr Augenlid wie ein Bogen von Stahl, ihre Lippen waren Korallen, ihr Fleisch wie Milch so fahl. Die Kinder folgen ihm auf den Straßen, indes die Mütter seinen Namen lobpriesen. Er ließ vcrkünden, daß er vom Flusse Sabation aus die zehn Stämme nach dem heiligen Lande führen werde: auf einem Löwen reitend, der einen siebenköpfigen Drachen werde im Maule haben . . . Wie von einem ergreifenden Zauber umschlungen, wanderten die Juden nach Flause. Das Fieber der Erwartung hatte sie gepackt, das von Land zu Land floß wie ein berauschender Strom. In dieser Nacht konnte keiner schlafen. Man sagte damals, der Herr der Welten öffne seine Tore, den Propheten zu empfangen, oder er pflücke die Sterne vom Himmel, als wären es Trauben am Rebenstock, das Volk sähe ein edles Licht, und die Todesschatten verschwänden neben ihm; hinabgestürzt sei die Pracht der Könige und das Rauschen der Harfen; der Prophet steige zum Himmel empor und oberhalb der Gestirne errichte er seinen Thron; viele Stimmen schrien zu ihm empor: Wächter, wie weit isls in der Nacht? Da verkündete er schon das Morgenrot. In seiner Nähe gab es nichts alltägliches mehr, der Fürst schien dem Bauer gleich, der Bettler dem Richter, keine liebende Hand streckte sich dem Kranken hin, und es war erhaben, alle Pein der Kasteiung zu erdulden und der aufgehenden Gnadensonne zerknirscht entgegcnzuwinscln. Die Schule clcr Kabbalistcn glaubte die Verkündung klarer zu verstehen. Aus dem göttlichen Schoß hatte sich die neue göttliche Person entfaltet, der wahre König, der Messias, der Erlöser und Befreier der Welt und die Herrschaft des Metatron ist zu Ende. Es steht aber im Buche Sohar, sagten sie: Metatron ist das erste der Geschöpfe, der Abglanz Gottes; er ist die mittelste Säule, die das Himmlische vollkommen macht; er ist das Vereinigende in der Mitte. Denn der wahre Messias ist der verkörperte Urmensch, der Adam Kadmon der Schrift, ein Teil der Gottheit. Der Tag brach an, ein trüber und dunstiger Herbstmorgen. Kühler trockener Wind ging durch die Gassen. Die christlichen Einwohner waren verwundert über das aufgeregte Wesen der Juden. Der Rabbi Bärmann rannte bleich von einem Haus ins andere. Der Rabbi Salman Klef stand, ein vergilbtes Pergament lesend, stundenlang vor seinem Haus. Salman Ulman Käsbauer rief mit lebhafter Stimme nach dem Fremdling von gestern. Hutzel Davidla hinkte nachdenklich umher und Boruchs Klöß wurde nicht müde, an den heiligen Fasttag zu erinnern und daß man zur Schul gehen müsse. Gegen neun Uhr kam ein staubbedeckter Bote aus der Richtung der Slaclt Nürnberg. Er brachte ein Sendschreiben. Michel Chased, der Chassan, nahm es entgegen und die Juden, Männer, Weiber und Kinder in stets wachsender Anzahl, sammelten sich um ihn, als er mit lauter Stimme vorlas. To bc continued / Fortsetzung folgt Landscape on the Pegnitz from a contemporary en«raviiiK by Aiiüustine llirsclivo^el fioni the collcclions of the „Albertiua" (Vienna) Landschaft an der Pegnitz Nach einem Stich von Aujjustin Hirschvoj;el (1<>. ]ahrh.) aus den Sammlungen der „AUiertina" (Wien)

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