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Menorah · 1923-01-01 · Heft 5 · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
1 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Die Juden von Zirndorf
Date
1923-01-01
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 MENORAH i Morgenrots. Denn die Sonne strahlt diesem Erdstrich beim Aufgang und beim Niedergang mit einer unerhörten Glut, was die Gelehrten dem Dünstcreichtum des Landes zuschreiben. Fest, Tanz und Kirmesspiel waren von jeher üblich bei den Fränkischen, die einen leichten Sinn haben und ihre Pfennige gern zum Schenkwirt tragen. An einem Kirchweihtag im Oktober, siebzehn Jahre nach dem großen Friedenspakt — das Volk jubelte auf dem Schießanger, zum Tanze schwangen sich die Mädchen und lustige Weisen spielten die Zigeuner und Spiellcute — ging ein alter Mann, nachdem er lange Zeit nachdenklich vor der jüdischen Inschrift am Schwedenslein gestanden, gegen den Anger zu. Der Abend sank schon herab, und der Himmel war von einem matten Rot getränkt. Blaue Schatten fielen auf den rauschenden Fluß, Schmiedehämmer tönten von fernen Gassen her, und der schrille Laut verklang erst weit draußen in den Wiesen. Dann setzte Musik ein: Orgel und Fiedelbögen, die Maultrommel und die Wasserpfeife. Die Buben lachten und sprangen wild um die alten Bäume, und die Mädchen hatten glänzendere Augen an diesem festlichen Tag. Die Nürnberger Kaufleute boten nie gesehene Waren aus, und Seiltänzer, Taschenspieler und Zigeuner versprachen, Wunder ihrer Kunst zu bieten. Als die Dämmerung herabsank, wurden Pech fackeln an die Stämme und die fahrenden Häuser der Komödianten befestigt, und der schwere braune Rauch erhob sich in weiten Wellungen, zog hinüber gegen den Strom, zog über die Wiesen hin, und einzelne Funken sprangen knisternd in die Lindenäste. Die dumpfe Glut gab den Gesichtern der Menschen ein abenteuerliches Farbenspiel und die Sterne am Himmel verblaßten für jeden, der sich in dem trüben Lichtkreis befand. Der alte Jude hielt die rechte Hand wie einen Schirm über die Augen und blickte finster und forschend in das heitere Getümmel. Sein Gesicht war von grünlich-weißer Färbung und ein roter Bart floß mager um Wangen und Kinn, so daß er nur eigentlich eine Art von Rahmen bildete und dem Gesicht etwas Fremdes, etwas erschreckend Deutliches verlieh. Die braunen Sterne seiner Augen irrten unruhig in dem geröteten Weiß umher, und bisweilen erweiterten sich die Pupillen rasch wie die eines Raubtieres. Es waren Judenaugen: voll Hast, voll Unfrieden, voll von unbestimmtem Flehen, von einer gedrückten Innigkeit, bald in Leidenschaft flackernd, bald in Schwermut alle Glut verlierend, die Augen des gehetzten Tieres, das angstvoll und kraftlos die Blicke dem Verfolger zuwendet, oder in bebender Sehnsucht hinausstarrt in das ferne Land der Freiheit. „Das Volk ist wild," murmelte er, „da tanzen sie und blasen Schalmeien und morgen schon wird Gott ein Gericht halten." Er blieb stehen, verbeugte sich tief nach Osten und lispelte ein kurzes Gebet durch die schmalen Lippen. Unter den Linden des Angers tanzte ein Zigeunermädchen einen wunderlichen Tanz, und zwei Burschen spielten die Geige dazu. Eine Menge von Zuschauern hatte sich im weiten Kreise versammelt, und alle waren atemlos vor Schaubcgierde. So war es immer in den Tagen Remigius, Lcodegar und Lukretia in Fürth; die Menschen erwachten aus dem drückenden Traum ihrer Sorgen und dünkten sich sich freigeboren und glückbestimmt einmal im Jahr. Nach der Zigeunerin kam ein junges Mädchen von großer Schönheit langsam in die Mitte des Kreises. Sonderbar irrten schmale Schalten auf ihren bleichen Wangen und auf ihrer Stirn, und sie war schlank wie jene Frauen, die man zu Florenz malte. Ein langes Gewand floß an ihrem Leib herab, und sie begann, ohne die Arme zu bewegen, ohne die Augen vom Boden zu erheben, mit klagender Stimme ein Rezitativ: Ich weiß nicht, wo's Vögelcin ist, ich weiß nicht, wo's pfeift. Hinterm kleinen Läclelcin, Schätzlein, wo leist? Es sitzt ja das Vögelein nicht alleweil im Nest, schwingt seine Flügelein, hüp/t auf die Äst'. Wo ich gelegen bin, darf ich wohl sagen. Hinterm grün Nägeleinstock zwischen zwei Knaben. Doch sang sie diese Worte leise und melancholisch. Ihre Lippen zitterten und sie senkte den Kopf tief gegen die Brust. Der Harlekin kam und äffte sie, aber sie blieb starr wie eine Bildsäule; er begann an ihr herumzuschnuppern und erklärte endlich grinsend, das sei ein feines Aschenputtel für sein Ehegespons. Er wollte sie umfassen und davontragen, da kam ein Ritter in glänzender Rüstung, um sie zu befreien. Der Hanswurst verwandelte sich und stand mm in seiner wahren Gestalt da: als der Teufel. Er kämpfte mit dem Ritter, und als er nahe daran war, zu siegen, zog jener ein elfenbeinernes Kruzifix heraus und hielt es dem Bösen hin. Der Satan stieß ein schreckliches Geheul aus und sprang in großen Sätzen davon. Da trat aus einer Lücke in dem Kreis der Zuschauer der alte Jude, stieg über die niedrige Planke hinweg und sein langer Kaftan flatterte im Abendwind, als er auf das blasse Mädchen zuschritt. Sie schlug ihre Augen zu ihm auf — und schüttelte sich plötzlich wie im Fieberfrost; seine Blicke bohrten sich gleich Nadeln in sie ein und sie las etwas in dem flackernden Feuer dieser Augen, das lange schon ihre Seele mit grüblerischer Furcht erfüllt hatte. Es war, als ob ihre Seele auf einmal von frühen Erinnerungen der Kindheit ergriffen würde und darüber erschüttert wäre. Der rotbärtige Jude hatte seine Finger um ihren Arm gelegt, daß sie wie Spangen sich schlössen, und er blickte sie unverwandt an, als ob er einen Wunsch, einen unwiderstehlichen Bcfehl tief in ihr Herz zu senken wisse, so daß kein Wesen daran zu rühren vermochte. Die Musik schwieg, der Lärm in der nahen Runde dämpfte sich zum Gemurmel, viele empfanden ein zielloses Grauen, viele nur Neugier und Erwartung. Den Fluß hörte man rauschen, der Wind strich durch die Bäume; er warf gelbe Blätter herab, und eine leichte Kühlnis ging herbstahnend über den Anger. Der Jude beugte sich nieder und murmelte in des Mädchens Ohr: „Gedenkst du noch an den Feuerbrand in deiner Heimat, Zirlc? An den Vater, an die Mutter, an die Brüder und an alle andern, die tot sind? Zirle, denkst dus noch?" Tränen flössen über des Mädchens Wangen, und es schaute völlig verloren in eine vergangene Nacht. Und der Alte fuhr fort: „Um die Mitternacht des nächsten Vollmondes mußt du zu mir kommen; du wirst Zacharias Naar zu finden wissen, wo es auch sei. Den Mescias verkündige ich, dem die geheimnisvollen Tiefen der Wesenheiten offenbar geworden sind." Ein unwilliges Murren erhob sich über die Störung des Festes und der Fröhlichkeit. Zacharias Naar wandte sich ab von dem Mädchen und s:hrill bald darauf langsam dem Ausgang des Angers zu. Niemand kannte ihn, alle wichen ihm aus und schnell lief ein Wort von Mund zu Mund: Ahasverus. „Ja, ja, er laufft umher wie der. tolle Judt", sagte ein verschrumpftes Wciblein und schnüffelte mit der dünnen Nase in der Luft umher. Sie wisse einen Spruch, erzählte sie mit klirrender Stimme den jungen Leuten, die sie umstanden: Der Jud' Ahasverus weit und breit vor alters und vor dieser Zeit bekannt, geht nun durch alle Welt, red't alle Sprachen, veracht' das Geld. Was er von Christo reden tut, kannst hören hie, c!o:h mit Unmut. Veracht' ihn nicht, laßt wandern ihn, weil Gott ihm geben solchen Sinn: daß er von Christo, seinem Sohn, red't alles Guts und ohne Hohn Ihn zehret ungemess'ne Pein, es ängstet ihn der Sonnenschein, dein Urtel, wie es auch mag sein, ' laß Gott, der kennt das FIcrz allein. Zacharias Naar schritt durch die dunklen Straßen des Orts zum Tempel der Juden. Dort war noch Gottesdienst, denn es war der Vorabend des Versöhnungsfestes. Bald stand er unbeachtet unter der Menge der Gebete Murmelnden, den Tailis um die Schultern, und starrte mit glühenden Augen gegen den Altar. Keine friedliche Festslimmung herrschte in diesem Raum. Jeder schien seinem Gott für sich zu dienen, und bisweilen entstand ein unbestimmter Lärm, in dem sich eine schreiende oder keifende Stimme abhob. Ein dumpfer Flöhlengeruch erfüllte das Gotteshaus; es roch nach altem Leder, nach alten Gewändern, nach Rauch und faulem Flolz. Kinder standen umher und g'otzten mit stumpfsinniger Andacht in Büchern mit gebräunten Blättern. Der Raum gleich einem unterirdis:hcn Gemach für Verschwörer, einer Büßerklause für Asketen; nichts von Lebensfreude und nichts von Gottesfreude war hier zu finden. Die Lichter qualmten, und wer aus freier Luft hereinkam, glaubte als-

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