Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Reste des alten jüdischen Synagogalgesanges
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
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4 MENORAH geleistet werden wird. Die Arbeit, die ein Einzelner geschaffen hat, auf den stolz zu sein die moderne Musik Forschung allen Grund hat, mag der Ansporn sein für die Mithilfe von Musik forschem in allen Ländern des Westens und Ostens. Allein nicht nur auf dem Weg Idelssohns wird man die Grundzüge des alten jüdischen Tempelgesanges feststellen können. Es gibt noch einen anderen Weg, auf dem man zu Ergebnissen kommen wird, die, mit den Ergebnissen der vergleichenden Musikwissenschaft Idelssohns zusammengehalten, neue Ausblicke eröffnen. Es ist die Forschung des frühchristlichen Gesanges, die in den zwei letzten Jahrzehnten von Forschern ersten Ranges, vor allem von den französischen Benediktinern und Peter Wagner mit großem Erfolg betrieben worden ist. Diese Forschungen haben bereits eine breite Grundlage gewonnen und erstrecken sich nicht nur auf den sogenannten „gregorianischen Gesang" — den liturgischen Gesang der römischen Kirche —, sondern auch auf den byzantinischen Kirchengesang, von dem der slawische Kirchengesang abzweigt, den armenischen, koptischen, syrischen und persischen Kirchengesang. Auch die vorgregorianischen Liturgien Mailands und Spaniens sind in die wissenschaftliche Arbeit einbezogen, die von verschiedenen Stellen in die Tiefe bohrt, um die iilteste Schicht frühchristlicher Kirchenmusik zu erreichen. Wenn man daran denkt, daß in den ersten Jahrzehnten der Kirchenentwicklung der Guttesdienst der Christen in der Synagoge stattgefunden hat, und erst um das Jahr 70 eine vollständige Trennung der hellenistischen Synagoge und des christlichen Gottesdienstes vollzogen wurde, so muß die Rekonstruktion frühchristlicher Musik, der die Arbeit der modernen Musikforschung zustrebt, mit der Forschung jüdischer Synagogenmusik bei einer und derselben Wurzel zusammentreffen, aus der unter dem Einfluß hellenistischer und orientalischer Musik der frühchristliche Psalmengesang sich zu einem kunstvollen und mannigfachen Gebilde herausgewachsen hat. Schon heute kann man einen Gesang der Kirche mit Sicherheit als einen Abkömmling des alten jüdischen Synagogalgcsangcs feststellen. Peter Wagner, der kenntnisreiche Choral forscher, hat diese Vermutung zuerst ausgesprochen. Auf anderem Wege habe ich in einer Arbeit, die zur baldigen Veröffentlichung bestimmt ist, für seine Vermutung den sicheren Beweis geliefert. Es sind die sogenannten ,.Tractus"-Melodien. Die christliche Meßfeier besteht aus zwei Teilen, die ursprünglich getrennt waren, aber später zur Einheit zusammengewachsen sind. Der erste Teil gipfelt -in der Verlesung aus den heiligen Schriften, der zweite im eucharistischen Opfer. Beide Hälften haben verschiedenen Ursprung; die zweite leitet sich aus den Agapen, den Kultmahlzeiten der Christen, her, der erste stammt aus der Synagoge, deren Schriftverlesung die Kirche übernommen hat. Wie im Gottesdienst der Synagoge ist in dem der Kirche Psalmengesang mit den feierlichen Lektionen verbunden, er ist uns schon aus ältester Zeit bezeugt. Die Kirche kennt im ersten Teil der Messe zwei Gesänge: das „Graduale", das ursprünglich ein ganzer Psalm war, später jedoch — nachdem in Kleinasien und Byzanz die Psalmmelodien immer reicher verziert wurden — auf einen Psalmvers mit Chorrefrain beschränkt worden ist, und das „Alleluja", das zweifellos aus der Synagoge stammt, aber in Ägypten zu einem reichverschnörkelten Gesang wurde, der die alte volkstümliche jüdische Urgcslalt nicht mehr erkennen läßt. In der Fastenzeit wird das Alleluja durch den „Tractus" ersetzt. In diesem altertümlichen Gesang, der entweder einen ganzen Psalm oder mehrere Psalmvcrsc umfaßt, ist ein Rest der altchristlichen Solo-Psalmmelodie erhalten. Ganz wollte Hermann Struck (Berlin) Porträt des Malers Lesscr Uri (Berlin) man diese, als in der Zeit zunehmender Kirchen« pracht neue, reichverzierte Gesänge an Stelle der alten Psalmlieder getreten sind, nicht abschaffen. Man beließ die alte Psalmodie also (wie es die Kirche auch mit anderen alten Liedern getan hat) im Gottesdienst der düsteren Fastenzeit. Alles an diesem Gesang ist altertümlich: sein Bau, seine Beschränkung auf zwei Tonarten, während der damals moderne Kirchengesang der byzantinischen Barockzeit im vierten Jahrhundert acht Tonarten kennt und seine eigenartige Technik. Diese Technik ist identisch mit der Technik jüdischen Synagogengesanges und findet sich nur in diesem altertümlichen Psalmgcsang der Kirche und nicht in den anderen Psalmliedern, welche durch Variationskunst weitergebildet wurden. Wie im jüdischen Synagogengesang werden im Tractus feststehende Formeln, Kadenzen, Melismen immer wieder zu verschiedenen Melodien zusammengestellt. Alle Tractusmelodien sind nichts als Zusammenfügungen derselben oder ähnlicher Tonformeln, Modellformcln, woraus sich auch der Name Tractus erklärt, denn er ist die lateinische Übersetzung des griechischen Wortes: Heirmos, und dieses heißt: „Zusammenfügung". So sind die Tractusmelodien der Kirche ein ehrwürdiger Rest jüdischen Synagogalgesanges, der von der Technik feststehender Melismen — die eine Technik der orientalischen Musik und das musikalische Gegenbild zur orientalischen Arabeske sind — reichen Gebrauch macht. Die graphischen Zeichen für diese feststehenden Melismen sind bekanntlich die „Ncginolh", die man von den byzantinischen Neumen herleiten wollte, nach den Ergebnissen eigener Forschungen aber wie die byzantinischen Neumen von einer orientalischen Tonformelschrift abstammen, in der einzelne Zeichen möglicherweise aus der Abkürzung einer Buchstabenschrift sich ableiten, wie sie bei den Babylonicrn noch vor den „Neginoth" der „Talmudhochschulc von Tiberias" und in Armenien s:hon im fünften Jahrhundert n. Chr. findet. So eröffnen sich vom jüdischen Tcmpelgcsang aus weite Ausblicke auf die Musik des Orients und den frühchristlichen Gesang, und wenn einmal die Forschungen des frühchristlichen Gesanges, die der orientalischen Musik und die jüdische Musik forschung, nachdem alle Stollen in die allen Musikschächtc geschlagen sind, zusammentreffen werden, wird der Gewinn für die moderne Musikforschung ein unermeßlicher sein. Aber nicht nur für die Musik forschung. Auch für die Praxis der Synagoge selbst, denn die einheitliche Gestaltung der jüdischen Synagogalmusik auf Grundlage ihrer klassischen alten Form ist vielleicht kein unerfüllbarer Traumwunsch. Was durch das Schicksal der Geschichte, durch Wanderungen, durch Berührungen mit fremden Völkern, durch die Diaspora getrennt wurde — und diese Trennung spiegelt sich auch in der verschiedenen Gestalt der Tcmpelmelodien — soll durch das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit einer Nation wieder zur künstlerisch-liturgischen Einheit werden. Dazu soll auch die Arbeil der Wissenschaft beitragen, die der einzelnen Forscher und die der Gesamtheit der wissenschaftlichen Welt. Heute stehen wir — und nochmals möchte ich den Forschungen Idelssohns alle Verehrung bezeugen — noch am Anfang. Aber der Ausblick auf das Ziel soll die Arbeit beleben, ihr das Interesse der Gebildeten sichern, denn es handelt sich bei der mühevollen und oft trockenen Gelehrtcnarbcit um gemeinsame Wünsche und ein gemeinsames Werk. navij JTO?ö