Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Sabbatobst
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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28 MENORAH hd For our Little ones / Für unsere Kleinen Sabbatobst Der kleine Dan schlug sein Heft zu. „Jetzt bin ich auch schon fertig!" rief er fröhlich. „Aber wieviel Fehler sind wieder in der Aufgabe?" fragte sein größerer Bruder Zewi spöttisch. „Nicht so viel, wie du vor einer Woche im Tempel beim Singen gemacht hast." „Was? Ich singe falsch?" schrie Zewi erregt. „Du verpatzt immer den ganzen Chor." „Ha, ha, so sprichst du? Der Kantor sagt doch immer, du singest, als ob du einen Knödel im Munde hättest!"^ Diesen Satz hatte Dan noch nicht recht ausgesprochen, als Zewi schon zornig auf ihn zusprang und ihn zu schlagen begann. Die Mutter kam erschrocken aus dem anstoßenden Zimmer hereingelaufcn, als sie den Lärm der Rauferei hörte. Sogleich ließen die Kinder voneinander ab. „Habt Ihr schon wieder gerauft!" klagte die Frau. „Da koche, reinige und putze ich den ganzen Tag, um den Sabbat vorzubereiten, aber immer werde ich durch Eure Unverträglichkeit gestört." „Wir sind beide mit unseren Aufgaben schon fertig", sagte Zewi, um die Mutler milder zu stimmen. „Das ist zwar schön," meinte sie, „daß Ihr vor Einbruch des Sabbats die Aufgaben beendet habt. Aber weil Ihr so unverträglich seid, dürft Ihr heute dem Vater nicht entgegen gehen." „Ich möchte so gerne dem Neger den Wagen ziehen helfen", sagte Zewi. „Und ihn wieder an den Ohren reißen!" erwiderte die Mutter. „Nein, Ihr bleibt hier. Lernt aus Euren Büchern! Ich gehe jetzt allein. Habt Euch indessen lieb und streitet nicht. Ihr wißt doch, daß der Vater allwöchentlich Obst nach Hause bringt. Wer braver ist, soll heute, abends mehr bekommen." Dan und Zewi saßen still und traurig da und taten so, als ob sie in ihren Büchern lesen würden. Doch ihre Gedanken weilten beim Vater. Dieser hatte sich zu Beginn der Woche, zusammen mit dem Neger, vor sein mit Geschirr gefülltes Handwägelchen gespannt und zog die ganzen Tage hindurch von Dorf zu Dorf. Er schlief im Gasthaus des Dorfes, aß aber, weil er sehr fromm war, nur Eier und Brot und trank Milch, die ihm die Wirtin in seinem eigenen Topf kochen mußle. Die Bauern brachten ihm alte Kleider, Hasenhäute und andere Dinge; er gab ihnen Geschirr dafür. Heute, Freitag, kam er ins Städtchen zurück, um den Sabbat bei den Seinen zu verbringen und Sonntag oder Montag die eingetauschten Sachen zu verkaufen. Und sie durften ihm heute nicht entgegen gehen! Der kleine Dan vermochte aber nicht lange still und traurig zu sein. „Wer hat denn", fragte er plötzlich, als ob er es zum Lernen benötigte, „Kain erschlagen?" „Abel", erwiderte Zewi, der gerne seine Weisheit zeigte. „Bist du dumm", rief aber Dan lachend. „Niemand. Er hat doch den Abel erschlagen." „Du hast mich dumm genannt. Da sieht man, daß du mich gar nicht lieb hast. Ich aber habe dich sehr lieb und bekomme deshalb mehr Sabbatobst." „Nein, ich bekomme mehr", schrie Dan zornig. „Ich habe dich viel lieber!" „Ich lass* mir das nicht gefallen", rief wieder Zewi. „Ich habe dich am allerliebsten." Und während dieser Worte zog er auch schon seinen kleineren Bruder an den Haaren. Die Rauferei war noch nicht recht im Gange, als plötzlich lautes Bellen zu vernehmen war. Da liefen die beiden Knaben auf die Straße hinaus, um ihren Vater zu begrüßen, der schon mit der Mutter vor dem Hause stand. Als der Neger, das war, wie du schon erraten haben wirst, ein großer, schwarzer Zughund, die beiden Buben erblickte, begann er noch lauter und freudiger zu bellen. Sie spannten ihn aus, und während er begrüßend an ihnen emporsprang, halfen sie das Wägelchen abzuräumen. Den großen Korb mit den Äpfeln nahm aber die Mutter selbst, und das war den beiden Brüdern gar nicht recht. Beim Waschen und Anziehen für den Tempel und im Tempel selbst, wo Dan und Zewi im Chor mitsangen, waren die beiden brav. Daheim hatte die Mutler schon die Sabbatkerzen entzündet, und der Vater, der auch im Tempel gewesen war, sprach den Segensspruch über den Wein. Er trank selbst aus dem Becher und reichte ihn dann allen anderen. „Mach* keinen so großen Schluck", schrie Dan, als Zewi trank. „Du trinkst ja noch mehr als ich", rief wieder Zewi, als Dan trank. Bei Tisch dann stritten sie lebhaft, wer das Schwanzende des Fisches erhalten sollte. „Das ist schrecklich," sagte der Vater, „habt Ihr Euch denn nicht ein wenig lieb?" „O ja," erwiderte Zewi, „wir haben uns eben erst gesagt, wie sehr lieb wir uns haben." „Und er hat mich geschlagen," klagte Dan, „weil er nicht wollte, daß ich ihn lieber habe als er mich." „Eine solche Bruderliebe, bei der man rauft, gefällt mir aber gar nicht", meinte der Vater strenge. „Deshalb gibt es heute kein Sabbatobst." Da gab es lange Gesichter. Ein Abendmahl am Freitag ohne Obst! Sie wußten, daß es nichts nützte, den Vater um Verzeihung zu bitten, drum sahen sie flehend zur Mutter. Doch auch sie wollte heute nicht für die Knaben bitten; sie waren während der Woche zu schlimm gewesen. Da kratzte es an der Türe. Die Mutter öffnete, und herein kam der Neger. Er trug ein kleines Körbchen voller Äpfel im Maule, das man auf dem Wäglein vergessen hatte. Alle mußten lachen. „Nun, das sieht ja aus," sagte der Vater, „als ob mein braver, treuer Hund, über den ich mich niemals ärgern muß, für Euch bitten wollte." Und er nahm für jeden der beiden Knaben drei große Äpfel aus dem Körbchen. So gab es doch noch einen frohen Sabbalabend. S. A. ONKEL BEN NATHAN SAGT DIR WAS! EINER DER KLÜGSTEN MENSCHEN Das war wohl unser Stammvater Abraham, denn er glaubte an einen einzigen Gott. „Ach," wirst du sagen, „dann bin ich auch einer der klügsten Mens-ben." Nein, lieber Freund, das ist ganz was andres! Dir haben es Vater, Mutter und Lehrer gesagt, daß es nur einen Gott ßibt, aber als Abraham leMe, waren alle Leule Heiden. Die Sonne, der Mond, das Feuer, manches Tier, mancher Baum, mancher Fluß, ja sogar Menschen wurden damals angebetet und als Götter verehrt. Abraham aber erkannte, daß die Sonne im Osten aufgehen muß und im Westen untergehen. Sie kann ni ht plötzlich einmal im Norden aufgehen und nicht einmal schneller, einmal langsamer über den Himmel ziehen. Der Mond muß einmal im Monat schmal und dann wieder voll werden, Menschen, Tiere und Bäume müssen sterben und der Fluß muß bergab fließen. Hinauf fließen kann er nicht. Wer aber muß und nicht tun kann, was er will, der kann doch kein Gott sein. Uncl Abraham erkannte, daß alle Dinge der Welt ewigen Gesetzen unterworfen sind. „Das weiß ich ja auch", wirst du wieder sagen. Ja, weil du es gelernt hast. Aber Abraham hat die ewigen Naturgesetze selbst erkannt. . _r hat erkannt, daß es nur eine einheitliche Kraft sein kann, die all diese Naturgesetze geschaffen hat und ewig erhält. Und diese Kraft ist Gott. Weißt du nun, warum ich Abraham einen der klügsten Menschen nenne? AUS DEM BUCHE DER NARRHEITEN Ich war nach Polen gefahren, um einen guten Freund zu besuchen, der dort in einem kleinen Städtchen wohnte. Die Gegend gefiel mir sehr, und ich bat meinen Freund, auf den Dachboden gehen zu dürfen, um aus dem Dachfenster in die Ferne zu blicken. Als ich dann durch die finstere Dachkammer ging, stolperte ich so sehr, daß ich bald gefallen wäre. Ich war sehr zornig darüber. Doch als ich sah, daß es ein großes, altes, dickes Buch war, das auf der Erde lag, hob ich es ehrfürchtig auf. „Das ist gewiß eine alte Bibel oder ein anderes hebräisches Buch, aus dem man die ganze Welt kennen lernen kann", dachte ich. Ich trug es zum Dachfenster. Wie erstaunt war rh, als ich es aufschlug und dort in großen hebräischen Buchstaben, aber in der Sprache, in welcher die Juden in Polen sprechen, las: „Das Buch der Narrheiten". Nachdem ich die Gegend mit ihrem Fluß, ihren Bergen uncl Wäldern bewundert hatte, nahm ich meinen Fund mit in mein Zimmer hinunter. Ich lese zwar gerne die Weisheiten großer Gelehrter, aber ich lache auch gerne, drum wollte ich das Buch der Narrheiten näher kennen lernen. Dir, kleiner Freund, sind gewiß die Schildbürger bekannt, die ein Rathaus ohne Fenster bauten und dann das Licht in Säcken in das Haus tragen wollten und die noch unzählige andere Dummheiten begingen. Du kennst wohl auch Till Eulenspiegel, der so vielen Leuten einen lustigen Streich spielte. Von solchen dummen Leuten und von solchen Schelmen erzählt das alte Buch. Und einiges, was ich drin gelesen habe, will ich dir nun jedesmal erzählen. Zuerst von unseren Schildbürgern. /. Die Chelmcr Cholm, eine Stadt in Polen, war allgemein bekannt, weil ihre Bewohner außergewöhnli-h klug waren. Von überall kam man, um sich bei den Chelmern, so nennt man die Bewohner von Cholm, Rat zu holen, ihnen ihre Geschäfte abzugucken und von ihnen zu lernen. Das war den Chelmern bald nicht m~hr recht, denn sie wurden von Fremden sehr durch Fragen belästigt und in allen Geschäften gestört. Nun tat es ihnen leid, daß sie in der ganzen Welt als so kluge Leute galten. Da beschlossen sie, so lange alles dumm anzustellen, bis kein Fremder mehr käme, sie um Rat zu fragen. Und nun machten die klugen Chelmer absichtlich lange nichts als Dummheiten. Schließlich kam wirklich kein Fremder mehr zu ihnen. Nun wollten sie wieder klug handeln wie zuvor. Aber wer sich so lange dumm stellt, wird wirklich dumm. Was sie auch begannen, sie waren sehr stolz darauf, denn ihnen schien es ungemein klug. Doch alle Menschen lachten darüber, denn es war dumm, schrecklich dumm! (To be continued / Fortsetzung folgt)