Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Professor Wilhelm Jerusalem
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 1)
- Language
- German
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9 MENORAH PROFESSOR WILHELM JERUSALEM Lr wai die verkörperte Ethik. Die Theoretiker der praktischen Philosophie und Sozialelhik sind nicht immer Verwirklicher ihrer Lehrer. Er ist es gewesen. Subtilste Untersuchung der Probleme der Erkenntnistheorie ist nicht immer Bürgschaft i'iir Selb.stpri.ifuns? und Selbstkritik; bei Jerusalem aber war sie es. Was er gelehrt hat, hat er gelebt. So erfüllte er das Wort der jüdischen Weisen: „Niehl die Forschung ist das Wichtigste, sondern die sittliche Tat". Sein Leben war das eines Weisen und wirkte aus diesem Grunde läuternd und erziehend bei allen seinen Schülern, deren es 1 ausendc gibt. Niedergelegt hat er die Grundzüge seiner Weltanschauung in seinem in der ganzen Welt verbreiteten und in viele Sprachen übersetzten Buche „Einleitung in die Philosophie . Sic wird auch roeben ins Hebräische uberrei.-1, wie rein „Lehrbuch der Philosophie . An dieser Stelle soll gesagt werden, daß er che liefe \ e.- cittliclmng seines Wesens der Lehre des Judentums zu verdanken hat, mit welcher er, wie feiner dei modernen Philosophen, mit Ausna! mc von Steinthal und Heimann Cohen, denen er seelenverwandt war, vertraut gewesen ist. Lr reibst sagt in der Selbsidarslcllung seiner Phi'orophie (Leipzig, Meinart, 1922, „Die Philosophie der Gegenwart", S. 3), daß er der streng religiösen Erziehung der Eltern und Jugendleh.ej einen Teil seiner Welt- und Lcbensanschauun!' zu verdanken habe und dato diese ihr Gcha I. Kraft und Richtung gegeben habe. „Meine Eltern waren fromme Juden und meine Alulier pflegte zu sagen: .Wer für die Rehsrion keine Opfer bringt, der bringt überhaupt keines \ oni zehnten bis zum dreizehnten Jahre seines Lebens lebte er im Llause eines frommen und gelehrten Rabbiners, woselbst er mit Bibel, Talmud und hebräischer Sprache vertraut gemacht wurde. Liier drang der „ethische Monotheismus" aus den Urquellen in ihn ein und „schlug tiefe Wurzeln" in seiner Seele. Man kann sagen, er blieb der Angelpunkt seiner Ethik und Metaphysik und griff sogar ein in seine erkenntnistheoretische Lehre. „Gott ist für mich das Subjekt zum großen Impersonale des Universums." Dieser fundamentale Satz ist ohne die Grundlage des ethischen Monotheismus nicht denkbar. Seine ältesten Lehrmeister waren nach Bibel und Propheten du; antiken Rabbiner, Philo, Aristoteles und Plato. I icf in sein clenkerisches Leben griff, wie er selbst berichtet (1. c, S. 5). sein L'mgang mit dem Vater des Schreibers dieser Zeilen, Rabbiner Dr. M. Feuchtwang in Nikolsburg, ein, woselbst er sieben Jahre als Professor am dortigen altehrwürdigen Gymnasium lebte und lehrte. ■— Ich selbst war sein Schüler. Unvergeßlich ist auch uns Schülern diese Zeil, die herrlichen, beglückenden Stunden, ob er nun deutsche Literatur, klassische Philologie oder philosophische Propädeutik vortrug. In meinem Lltcrnhnusc verkehrte das Ehepaar Jerusalem fast täglich. Es war ein Hochgenuß, die junge Professorsgattiii im Gespräche mit meiner selten klugen und geistreichen Mutter, den jungen, hochgelehrten Professor in stundenlanger Diskussion mit meinem wahrhaft großen Vater zu belauschen. Die Gespräche der beiden Gelehrten behandelten immer streng philosophische Themata. Sie lasen zusammen das Organon des Aristoteles im Urtext. Meines Vater? 1 Ir.nr'cM mpV, des Aristoteles (Pariser Ausgabe) ging in den Besitz seines geliebten und verehrten Freundes Jerusalem über. Ich durfte als Jüngling diese gelehrten Andachtstunden miterleben. Daß in den Auseinandersetzungen die jüdische Religionsphilosophie nicht unberührt blieb, ist klar. Las doch mein Vater gereiften Schülern des Obergymnasiums, unter denen auch ich war, ein Privalissimum des Moreh und Kusari. Noch erinnere ich mich der Zeit, in weLher Wund!- „Physiologische Psychologie*" der Gegenstand der Durchforschung der beiden Freunde war. Die Ergebnisse seiner selbständigen psychologischen Prof. Wilhelm Jerusalem Aul l'assungen trug uns Jerusalem im Gymnasium vor. Das Manuskript seines Jahrbuches der Psychologie trug ich zwischen den Wohnungen der Freunde hin und her. Es ist kein Wunder, daß Jerusalems die sieben Niko'sburgcr Jahre zu den glücklichsten ihres Lebens rechnen. Auch mein \ aler hat nach der Übersiedlung Jerusalems nach Wien keinen Fieund seinesgleichen gefunden. Die Betonung dieser Nikolsburger Jahre ist deshalb nötig, weil sie mit zum Anteil des Judentum? in Jerusalems Leben und Lehre gehören. Im Jahre 188") trat er sein Lehramt in Wien an. Mit einer Schrift über die taubstumme Blinde 1 .aura Bridgman habilitierte er sich im Jahre 1(891. Im Jahre 1895 erschien sein Buch „Die Urleilsfunklion". Im Jahre 189 3 las er zum ersten Male „Einleitung in die Philosophie" unter stets steigernder Teilnahme ungewöhnlich zahlreicher 1 lörer. Unglaublich ist es. daß vor Jerusalem niemals ein Koileg über Einleitung gelesen worden war: auch Zimmermann und Brentano hatten es nicht getan. Innige Freundschaft verband ihn mit Ernst Mach; dem großen Denker und edlen Menschen; nur mit solchen konnte Jerusalem befreundet s.mii. Im Jahre 1903 wurde ihm venia legendi für Pädagogik erteilt. Seine „praktische Schulpädagogik" war \on allen Lehramtskandidaten besucht. Seine Hörer hingen ihm mit inniger Liebe und V erehrung an. Wenn einer seiner Schüler ihn an Feinem Grabe „Vater Jerusalem"* nannte, so lag darin der .Ausdruck kindlich-trauter Dankbarkeit gegenüber dem Meister, der seinen Jüngern Berater und Fiel fei war. Lr war eben Prototyp des idealen Lehrer«. Sein im Jahre 1912 erschienenes Buch „Die Aufgaben des Lehrers an höheren Schulen, Erfahrungen und Wünsche" betrachtete er als sein „persönlichstes, am meisten erlebtes". Der nie ruhende Antrieb, seiner Mitwelt und Nachwelt sittliche hörderung angedeilun zu lassen und ihr Leiter und Richter zu sein, führte ihn zur „Soziologie". .Als Teilergebnis seines Denken? in dieser Richtum: darf das Buch ..Der Kric« im Lichte der GcsellschaMehre'* (1913) betrachtet werden, eines der wenigen wertvollen Werk..:, die aus dem Kriege geboren wurden. ).:■ ist kein Ruhmesblatt in de Geschichte der Philosophischen Fakultät der Wiener Universität, daß Jerusalem erst nach 29jährigcr Tätigkeit als 1 "rivatdo/cnl Piofes^or wurde. LA Eil untcden schweisten Lebensverhältnissen bi zur l.-.rschopfung gearbeitet. Den schwiern-rten Gedaiikeiiproolcmen war er gewachsen: auch dem scharts;en wissenschaftlichen Gegner: nicht aber unsauberen Stroinunsien oder Machenschallen.!.:■- Avußter Ungerechtigkeit oder I 1 intanset/ung. Kein L-rlebnis aber, kein herbes Geschick, konnte reine Seele beugen, reinen sitllirhen Mr.l brechen. Dö/u war er zu frorr.ni. wenn man das von einem exakten Philosophen ragen darf. Und es fehlte wahdihniclt nie ^nl.chcn 1 t.bcn Nrluckx iL schlagen in seinem Leben. b.r hatte des Leiden? zur Läuterimg seiner Seele nicht bedurft. Sein ganzes Leben ist ein Abbild seiner Lehre, in welcher er sich zum kritischen Realismus bekenni. welcher die Grundlage geworden ist zu einem o/ialcn, ethischen, ästhetischen, metaphysischen und religiösen Idealismus. Man findet dieses sein System für jeden verständlich und klar dargestellt in der jüngsten Ausgabe seiner „Einleitung". Aber nicht nur verständlich und klar, sondern auch schön. Seine Soziologie ist eine wahrhaftige Lchie tiefster Humanität und Religion. Sie fordert Menschenwürde, Staatenwürde, Völkerwürde. Sie nähert sich dem Ideale, das die jüdischen Propheten gepredigt haben, die Jerusalem so innig verehrte. Gerasko aei polla didaskomenos. „Ich werde ah und höre doch nicht aut, stets zuzulernen." Mit diesem Spruch Solons beginnt und schließt Jerusalem die Selbstdarstellung seine. Philosophie. Der Spruch erinnert an den jüd'-chen Gedanken: Zaken (Greis) ist „Zesche-Kanah Chochmah*. derjenige, der Weisheit erworben hat. Anfang und L.nde seines Lebens sind Enthüllungen dieser. Spruches. Er starb wie ein Weiser. Mitten aus dem Gespräche mit seiner geliebten brau, der er auch eines seiner Werke gewidmet hat, entfloh seine reine Seele. Er starb im 69. Lebensjahre, am frühen Morgen des 15. Juli dieses Jahres. L.r wurde mit hohen Ehren begraben. Jerusalem war einer der edelsten Bewohner Wiens, ein übcrzeugungslreuer, begeisterter Jude, ein Mensch von höchstem Seelen- und Gcistcsaclel. Dr. D. Feuchln<ang (Wien).