Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Umgruppierung in der Familie
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 1)
- Language
- German
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15 MENORAH DIE UMGRUPPIERUNG IN DER FAMILIE So groß der Umschwung sein mag, den der Krieg auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten, des sozialen und des Gefühlslebens hervorgerufen hat, ist er doch nirgends gewaltiger und sinnfälliger als im Kreise der Familie. Vielleicht ist in den unteren Schichten der Bevölkerung, die seit jeher unter dem harten Gesetz der Not standen, der Unterschied weniger fühlbar — die Mittelstandsfamilie von einst und von jetzt sind grundverschiedene Erscheinungen. Dieser Umwandlungsprozeß hat natürlich auch vor den Toren der Juden nicht halt gemacht, ja dem Hang der jüdischen Frauen, jede Mode, auch die Mode des Gefühles, mitzumachen, sie bis zum letzten Extrem mitzumachen, haben wir es zu danken, wenn unser Familienleben eine einschneidende, mit jedem Tage deutlicher werdende Umgestaltung erfahren hat. Das erste neue Moment, das diese Umgestaltung bewirkte, war jene Erscheinung, die man am besten mit dem Ausdruck: Jugendverehrung bezeichnet. Wenn bei den Juden bisher die Ehrfurcht vor dem Alter, vor seiner Weisheit und Erfahrung, vor allem aber die Ehrfurcht vor der redlich geleisteten Lebensarbeit und dem getanen Lebenswerte zu den heiligen und scheinbar unumstößlichen Traditionen gehörte, so predigten mit einem Male ganze Scharen von begeisterten, wenn auch nicht immer ganz klaren Aposteln die Ehrfurcht vor der Jugend. Hatte man die jungen Menschen früher zu Sklaven ihrer Vorfahren gemacht, so machte man sie jetzt zu unumschränkten Gebietern über ihre Eltern — der Pendel schwingt eben wieder einmal um genau so viel zu stark nach links, wie er früher zu stark nach rechts geschwungen hat. Natürlich hat ja auch früher „jede Mutter ein kluges Kind gehabt"', wie man so schön und treffend zu sagen pflegt, natürlich war auch ehedem die jüdische Mutter von den Talenten und der Begabung ihres Sohnes entzückt. Aber trotz dieser — übrigens sehr begreiflichen und natürlichen — Bewunderung blieb das erste Wort im Hause den Eltern gewahrt, ward nicht jeder Einfall des Kindes zum Ereignis, nicht jede Laune ein Gebot, das man heilig halten mußte, um der „ungebrochenen Eigenart" willen, diesem Fetisch moderner Kindererziehung. Und vor allem: das Recht der Kritik blieb ausschließlich den Eltern gewahrt, während es jetzt fast ebenso ausschließlich auf die heranwachsenden Kinder übergegangen ist. Die Kriegsverhältnissc haben den jungen Menschen wohl allüberall Selbständigkeit beschert, ohne ihnen die dazugehörige Reife zu schenken. Es gab eine Zeit, da verdiente die Achtzehnjährige, kaum der Schule Entwachsene, um ein gutes Stück Geld mehr als ihr in de. Arbeit erprobter, in der Arbeit ergrauter Vater. In jüdischen Familien, die starken Anteil an der Handelskonjunktur hatten, machte sich dieser Entwicklungsgang besonders stark fühlbar. Der junge Schieber, der mit unbeirrbarer Gelassenheit Millionen und Milliarden tanzen ließ, war ja eine internationale Erscheinung. Nun weiß man ja sehr wohl, welche Rolle das „Verdienen" im jüdischen Vorstcllungskreis spielt. Es handelt sich dabei wahrhaftig nicht nur um das Geld und die äußeren Vorteile, die es bringt. Den „Großverdiener" umgibt ein Strahlenkranz besonderer Art, er hat seine Tüchtigkeit, seine Klugheit unwiderleglich bewiesen, der Abschluß des ersten guten Geschäftes ist immer noch gewissermaßen der jüdische Ritterschlag. Aber nicht nur die Schieber, denen der erste Flaum auf der Oberlippe sproßte, fanden ihren Weg. In Kontor und Bureau, in der Kanzlei und im Geschäft, überall war Nachfrage nach jungen Kräften. Die Älteren und Gereiften trachtete man hinauszudrängen. Sic wußten zu viel von guten alten Geschäftssitten, sie hatten Vorurteile, Befürchtungen, Bedenken. Ein Taumel der Jugendanbetung ergriff die Nüchternsten. Diese jungen Menschen aber, die hatten keine Hemmungen zu überwinden. Keine Ziffer Dr. Moritz Neuwirth Präses der jüdischen Gemeinde Holic, starb nach vieljaliriger verdienstvoller öffentlicher Wirksamkeit erschreckte sie, kein Braxich war ihnen heilig, und die Gefahren, mit denen sie jonglierten, verstanden sie nicht einmal. Auf diese glänzende Zukunft hin bekamen auch die Halbwüchsigen schon Bewundcrungsvorschuß. War der Herr des Hauses früher der Mittelpunkt aller hausfraulichen Bemühungen gewesen, hatte sein Wort in allen Zwiespältigkeiten den Ausschlag gegeben, hatte um sein Wohl, um sein Denken, um sein Wollen das ganze Gcfühls- und Gcdankcnleben seiner Gattin gekreist, so drehte sich jetzt die ganze Welt des Hauses um die Kinder. Ihre Gaben zu entfalten, ihren Geist und Körper zu pflegen, ihnen die Eigenart unverkürzt und ungetrübt zu erhalten, ward zur ersten und heiligsten Aufgabe der Mutter. Daß dabei das natürliche Verhältnis nicht nur zwischen Eltern und Kindern, sondern auch zwischen den beiden Gatten verschoben wurde, verschlug nichts, und daß diese Verschiebung eine Erziehung zum nackten, brutalen Egoismus bedeutete, daß lächerlicher Eigendünkel großgezogen wird, wenn jeder Dummejungeneinfall als Ausfluß der Originalität und jede vorlaute Rede als Tat gewertet wurde, darüber ist man »ich noch nicht klar geworden. Es ist modern, also müssen wir mit dabei sein. Zu dieser gewollten Umgestaltung gesellt sich noch die erzwungene. Die halbwüchsigen Söhne und Töchter des verelendeten geistigen Arbeiters müssen allzu früh ihr Brot selbst verdienen. Und Töchter, die nicht nur sich selbst erhalten, sondern vielfach noch zum Unterhalt der Familie beitragen müssen, sind nicht mehr geneigt, den Weisungen und Ratschlägen der Mutter Gehör zu schenken. Die Entfremdung zwischen Mutter und Tochter, die jetzt in jüdischen Familien Platz greift, hat vorwiegend wirtschaftliche Ursachen, und eben diese Ursachen bringen es auch mit sich, daß die Tochter ein ganz gewaltiges Überlcgcnheitsgcfühl erfüllt, daß sie die Arbeit der Mutler geringschätzt. Von da bis zur leisen Geringschätzung der „armen, guten Mama", die eben ein bißchen altmodisch und engdenkend geworden ist, ist's nicht mehr weit. Und da die junge Dame ihre Kleidung, ihre Vergnügungen, ihre Bücher selbst bezahlt, ist es nach der Denkweise der jetzigen jungen Well auch selbstverständlich, daß sie keinen mütterlichen Einspruch respektiert. Wir bekämen vielleicht doch nichl so viele grimmige Geschmacklosigkeiten, nicht so viele Ungeschicklichkeiten und nichl so viele widerwärtige Bilder von Würdelosigkcil mannstoller, heiratssüchtiger junger Mädchen zu sehen, wenn die Töchter die Ansicht der „unmodernen" Mutter berücksichtigen wollten. Allerdings gibt es ja leider daneben auch noch Mütter, die selbst um jeden Preis „modern" sein wollen, die jede Narrheit, jeden Unsinn, jede Lächerlichkeit mitmachen, die in Kleidung und Gebaren der Würde ihres Alters und Fraucnlums Hohn sprechen und eigentlich im tiefsten Innern einem hohen Vorbild und Ideal nachstreben: der Kokotte. Aber zur Ehre der jüdischen Frau darf doch gesagt werden, daß trotz allem zielbewußten Lärm der um jeden Preis Modernen die sorgenden, pflichtgetreuen Hausmütter noch immer in der Mehrheit sind. Wenn nur die große, die zitternde Angst der jüdischen Frauen nicht wäre, einmal die letzte Mode zu versäumen — — — Die Umwälzung im engsten Familienkreise bringt selbstverständlich eine Lockerung aller Familicnbeziehungen mit sich. Die junge Generation kennt einander gegenseitig nicht mehr, Vettern sind einander fremd oder gar feindselig. „Familie ist immer etwas Unangenehmes", schrieb kürzlich ein junger jüdischer Schriftsteller und fand reichen Beifall. Denn es gilt als flott und schick, über den Zusammenhalt der Familie zu spötteln, respektlos zu sein und seinen Geist dadurch zu bekunden, daß man der älteren Generation kurzweg die Achtung kündigt. Nun nützt es sicherlich nichts und wäre fruchtlos-törichtes Beginnen, über diesen Wandel zu klagen. Nur zweierlei bleibt uns zu tun: vor allem zu bremsen, so weit es gehl. Müssen wir schon wirklich „amerikanisiert" werden, dann muß das ja nicht von heute auf morgen geschehen. Dann aber diesen jungen Menschen begreiflich zu machen, daß ihre blitzblanke Moderne und ihre grundsätzliche Respektlosigkeit keineswegs so bewundernswert ist, wie sie glauben. Denn sie ahnen ja nicht einmal, welche Fülleechter Poesie, welche Wärme und welchen Reichtum sie verlieren, indem sie das /erschlagen, was Jahrhunderte lang unserem Volke Halt und Stütze gewesen: das jüdische Familienleben. Klara Mautner