Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 1 (1923)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Geleitwort
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 1)
- Language
- German
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2 MENORAH GELEITWORT Die neue Monatschrift „Menorah" ist berufen, einem wirklichen Bedürfnis weiter Kreise entgegenzukommen und gleichzeitig ein bisher unklar empfundenes Verlangen Vieler zum bewußten Bedürfnis zu gestalten. Zahlreich sind bereits die jüdischen Tagesblätter und Zeitschriften, die alle eine begrenzte, sei es politische oder religiöse Tendenz verfolgen. Diese Zeitschrift jedoch stellt sich umfassendere Aufgaben und steckt sich ein weiteres Ziel: Sie will in erster Reihe jene Bestrebungen fördern, die geeignet sind, Brücken zu schlagen zwischen den verschiedenen, oft auseinanderstrebenden Gruppen des Judentums und will auf kultureller Grundlage die notwendige Einheit herbeiführen. Die geistigen und künstlerischen Traditionen wollen wir liebevoll pflegen, den Blick in Epochen zurücklenken, in welchen es noch ein wurzelstarkes, bodenechtes, von keiner Problematik angekränkeltes Judentum gab. Mithelfen wollen wir, und das ist unser großes Ideal, eine einheitliche jüdische Kulturatmosphäre zu schaffen. Die „Menorah" dient keiner Partei, sie will zu Juden jeder Richtung sprechen, soweit sie Fragen der Politik behandelt nur referieren und in versöhnlichem Sinne berichten, durch Wort und Bild belehren, erziehen und auch in gutem Sinne unterhalten. Sie will den Blick der Leser auf die alten künstlerischen Überlieferungen im jüdischen Schaffen lenken, die zu Unrecht nur bei den wenigsten Beachtung finden, von neuen jüdischen Künstlern vermelden und ein übersichtliches Bild des zeitgenössischen literarischen Schaffens bieten. Sie wird keine politische, sondern Kulturpropaganda treiben. Diese Zeitschrift ist der jüdischenFamilie gewidmet, die stets Bollwerk und Rückhalt des Judentums war. Sie will auch den Interessen der jüdischen Frauen entgegenkommen und sie an ihre Aufgaben gemahnen, die in der Tat bedeutende sind. Die jüdische Jugend wird stets geistige Anregungen aller Art finden und in ihrem Streben nach körperlicher Ertüchtigung gefördert werden. Dem würdigen Inhalt soll sich ein entsprechendes Äußere gesellen, das auch dem verfeinerten Geschmack gerecht wird. Es ist eine schöne, große Aufgabe, die wir uns gestellt haben. Uns zu ihrer Verwirklichung zu verhelfen, laden wir hiermit die jüdische Öffentlichkeit ein, in deren Hände wir vertrauensvoll dieses erste Heft unserer „Menorah" legen. P. J. D. ^^Ö©^- Aphorismen über Geschichte Mitten in der Gewalt der sich jagenden Erscheinungen lüften wir gewaltsam den Vorhang des Gewesenen. Auf dem aiten Schlaclitfelde suchen wir unsere vorzeitigen Seelen, unsere Präexistenzen. Denn die Seelen, sie ruhen nicht und lieben die Kurzweil. Hurtig verlassen sie die alten Kämpfer, um sich bald auch von den neuen Eignern zu verabschieden (vgl. die Seclenwanderung und den Gilgul). Mitleid ergreift uns mit uns selbst und Erbarmen mit dem Gewesenen und nie mehr in dieser Gestalt Zurückkehrenden. Und die Verfehlungen? Wir, die Richtenden, wir stehen, wenn nicht vor Vollkommenem, so doch vor Vollendetem. Den Verfolgten, den Helden, den Baumeistern unseres Lebens aber können wir ein Atom ihrer erlittenen Unbill vergüten. Eine Lehrmeistcrin ist die Geschichte nicht. Sie zu erleben ist Pietät in höherem Sinne. Unser kühnstes Vordringen in die Kenntnis des Vergangenen führt uns zu einem Anfang, der ,,in tiefstes Dunkel gehüllt" ist. Dieser Anfang ist das Ende einer weiteren Reihe von Erscheinungen, deren Anfang in gleicher Weise das Ende von einer anderen Reihe uns verborgener Vorgänge bildet und so fort. Fragmentarisches Wissen ist eine Euphemie, denn tatsächlich besteht kein wahrnehmbares Verhältnis zwischen dein durch Zahlen Ausdrückbaren und dem Imaginären, zwischen Endlichem und Unendlichem. Aber Allgemeinheiten in der Geschichte suchen, ist ein Luxus, den man gut oder schlecht durch Analogien bestreiten kann. Bei lebensdurstigen Menschen ist die Geschichte das, was sie bei naiveren Menschen, bei den Menschen älterer Zeiten, war: Ein Festhalten des Vorübergehenden, eine Erfüllung von Sehnsuchten. Je weiter zurück aber die Vorgänge liegen, desto größer die Sehnsucht. Nicht, daß das in jüngster Zeil Vergangene weniger unwiederbringlich ist als das längst vorher Geschehene. Aber die Reihe, in der die letzte Erscheinung eingekettet ist, ist in ihrer Gänze noch nicht abgelaufen. Gegenstand unserer Sehnsucht kann also nur ein uns vorstcllbares und bewußtes, aber bereits abgeschlossenes Leben sein. Das Alter oder die Patina ist in diesem Falle kein Zustand, sondern wirkliche bedingende Qualität. Die Erscheinungen der Gegenwart geschichtlich erleben, oder in ihrer Fülle den Anfang des zukünftigen Interessanten zu suchen, ist als ob angesichts eines gewaltigen Naturschauspieles das Bild eines, wenn auch des größten Landschafters geboten würde. Man empfindet es als eine lästige Doublette. Überlieferungen werden als geschichtlich wiedergegeben, wenn Analoges im eigenen Empfinden konstatiert wird. Wenn aber eine Überlieferung geglaubt und nicht nachgefühlt werden kann, wird sie ins Heroische umgesetzt. Daher die Vergöttlichungen in der Geschichte der Völker, die Setzung des als unendlich Gedachten oder nur Denkbaren im Endlichen. Nur beim Volke der Juden ist eine reinliche Scheidung zwischen dem Göttlichen und Menschlichen. Die Wundergeschichten sind kein Beweis dagegen. Haben sie zuerst Gott oder den Menschen erkannt? Bernhard IVachslein