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Neue jüdische Monatshefte · 1920-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1920) · p. Seite 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 9-10 (10.2.1920)
Article
[Rezension]
Date
1920-02-10
Page
Seite 236 (sequence 2)
Language
German
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236 wird. Auf den Höhen des Gesellschaft^ ebens? /wandelte die junge Uly. Frühreif und scharfsichtig, tiefschürfend und klardenkend, auch mit Leidenschaft ausgestattet, statt mit glänzenden Reichtümern, von Gefühlen für das Schöne, Geistige, Edle beseelt und erfüllt vom Mitleid für die Elenden, Armen, Entrechteten, Geknechteten — so sehen wir sie im Laufe der Jahre. Ganze Welten, getrennte Welten, ^überbrückt sie mit ihrem Geiste, nimmt eine Entwicklung ins Grosszügige, aus Irrtümern, Kämpfen, Träumen, Enttäuschungen 'hieraus. Anfangs: eingebildet, wird [sie allmählich herber und wahrer. Und erreicht am Ziel ihr Ziel, der Menschheit, der hilflosen, leidenden, also vor allem den Arbeitern, den Frauen, zu helfen. Am Anfang der Entwicklung der Fraurechtsfrage steht ihr Wirken. Sie hält wacker Schritt mit den Errungenschaften ihrer Geschlechtsgcnos'sinnen und der Proletarier. Freisinnig, freigeistig, dabei gemütlich, kennt sie keine Vorurteile, ist frei von Hass. - Schon als Schulmädel erweist sie sich diesbezüglich als hoch über allen ihren Kolkginnen stehend. Daher wurde sie von ihnen gemieden. Freilich noch mehr mieden sie eine Jüdin. Einmal — sie hatten gerade die Leidensgeschichte Christi durchgenommen — umringten sie das Judenrnädel, besehimpten und bespien es*. Da sprang Lily dazwischen, um. der Bedrängten zu helfen. „Sie ist doch eine Jüdin", knurrte eine Schülerin. ^Und Kvesnn sie es ist, wisst . ihr denn nicht, dass Christus auch ein Jude war?" gab Lily zur Antwort. Seitdem schloss sie sich an die lü^t an, obwohl Juden kein Umgang für Mädchen, die in der Gesellschaft eine Position haben, wären, wie die Auffassung ihrer Tante lautete. Sehr bezeichnend ist, dass dieselbe Tante einen Baron Wolkenstein zum Schwiegersohn hatte und es nie verwinden konnte, dass sein Ahnherr Hofjude bei Friedrich dem Grossen gewesen *war ,der ihn mit der Bemerkung geadelt haben soll: „Machen wir den Kerl zum Baron, ein Edelmann wird doch nie draus/' Selbst in der vierten Generation hatte das Tauf Wasser die Erinnerung an den Farnilienstammbauin nicht zu verwischen vermocht. Es gibt noch viele derartige, köstliche Anekdoten in dem wertvollen Werk. Am interessantesten sind die Konflikte zwischen ihr und dem konservativen Vater, dem preussischen General, die sich oft zu dramatischen Auftritten, rührenden Szenen, zuspitzen und verdichten. Dichterisch erfasst ist besonders die Verirrung Lilys dn die Stätte des Elends und clie Schilderung eines kurzen schönen Liebestraums, Die Denkerin verrät sich in den scharfen Auseinandersetzungen mit der Kirche. Nur den wahren Glauben, die Liebe zum' Menschentum, die hilfreich, opferbereit ist, lässt sie gelten. Dr. Scherlag. Verlag der Neuen jüdischen Monatshefte, Berlin NW. 7, Dorotheenstrasse 35 / Telephon Zentrum 4814/4815, Postscheckkonto: Verlag der Neuen jüdischen Monatshefte Martin Goetz Nr. 26 437, Berlin NW. / Bezugsbedingungen: Vierteljährlich M. 5,—, halbjährlich M. 10,-, gartzjährlich M. 20,-, Einzelheit M. 1,— ( Für den wissenschaftlichen Teil verantwortlich: Dr.VV. KapSun-Kogan in Breslau, für die übrige Schriftleitung: C. Z. Klötzel in Berlin.

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