Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1920)
- Article
- ... Weltkonferenz des Misrachi ...
- Date
- 1920-02-10
- Page
- Seite 229 (sequence 2)
- Language
- German
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229 sichtig" die Konferenz alle ernsthaften Klippen zu vermeiden sucht/e, bewies ihr Verhalten zur Frage des Frauen Wahlrechts* in Palästina, in der sie sich für nicht zuständig erklärte. Dagegen bewiesen die Beschlussiassmngen über die Erziehungsfragen, wie weit bereits der Selbständigkeitsdrang des Misrachi gediehen ist. Es wurde nämlich von der zionistischen Organisation gefordert, dass an Stelle des einen einheitlichen „Waad hachinuch" (Erziehungsrat), deren zwei in Palästina errichtet werden sollen, von denen der eine . die gesetzestreuen Erziehungsinstitute selbständig und autonom verwalten solle. Die Konferenz hat sich nicht gescheut, für den Fall der Nichterfüllung dieser Forderung die Drohung selbstherrlichen Vorgehens auszusprechen, was bisher nicht üblich war und auch nicht verfehlen wird, den denkbar ungünstigsten Eindruck zu machen. — Abgesehen von der Art, wie der Misrachi seine Forderung vorbringt, muss man ihm darin recht geben, dass eine Trennung des "Schulwerks in ein orthodoxes und ein weltliches durchaus im Sinne beider Teile liegt. Denn nicht nur, dass der Misrachi sich bloss mit einer Schule zufrieden geben kann, in der er unumschränkt herrscht, auch die nichtorthodoxen Palästinenser werden keine Schule akzeptieren können, die nach orthodoxen 'Gesichtspunkten geleitet wird. Weitgehendste reinliche Scheidung ist hier aus prinzipiellen wie praktischen Gründen notwendig. Trotzdem scheint -eine gemeinsame oberste Verwaltungsbehörde die insbesondere in allen rein pädagogischen Fragen zu entscheiden hätte, notwendig und auch möglich, Wenn in Canada unter demselben „Board of Education" ein englisch-protestantisches und ein französisch-katholisches Schulwerk reibungslos nebeneinander funktionieren, so sollte das gleiche zwischen einem jüdisch-weltlichen und einem jüdisch-orthodoxen der Fall s*ein. Alle Versuche aber, eine „nationale Einheitsschule" zu errichten, werden sinnlos1 angesichts des Gewissenzwanges, den sie auch in ihrer vollendetsten Form für beide Seiten mit sich bringen müsste. Es kann in der Tat nicht der Sinn des kulturellen Aufbaus von Erez Israel sein, ^Gewissensnöte des Golus hinüberzunehmen. Wir wissen genau, und kein Einsichtiger täuscht sich darüber, dass ein Kampf zwischen weltlichen und orthodoxer Anschauung in Palästina sein wird, wie er sein wird zwischen den verschiedenen Wunschvorstclhingen sozialer Ordnung. Aber man muss jetzt beginnen, daran zu denken, dass der Zionismus in die Existenz des jüdischen Volkes in Palästina mündet und dass dieses Volk Parteien und sein Leben Parteikämpfe haben wird. Man gebe jeder Partei die gleichen objektiven Bedingungen der Entwicklung, und lasse sich nicht überreden, nach aussen hin eine Einheitlichkeit vorzutäuschen, die die inneren Gegensätze nur steigern kann. Es wird Gelegenheiten genug geben, wo sie ohnehin an die Grenze des Erträglichen 'gehen werden, wie in der Frage des Frauenwahlrechts, dessen Annahme für Palästina eine conditio sine qua non ist So möge man um so w eitherziger da sein, wo Klugheit und Billigkeit es gebietet. . Sonst treibt man den Misrachi schon hier aus1 der Organisation auf die Seite, auf die er sich in Palästina ohnehin schnell genug schlagen wird: zur Agudah-Orthodoxie.