Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1920)
- Article
- Die Erziehung der Ostjuden durch die Westjuden
- Date
- 1920-02-10
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908753-2908759-2912592--3102-2912683- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
222 Studium ist äusserst kostspielig, und die Studenten können erst mit dem Ausgang der zwanziger Jahre anfangen, ihren Unterhalt zu verdienen. Bis dahin fallen sie ihren Eltern oder Schwiegereltern zur Last, daher, die Erscheinung, dass die Verhält nisza hl der Erwerbstätigen unter den Juden ungleich geringer ist als unter den Nichtjuden. — Alle diese Missgriffe in der Erziehung der Ostjuden sind eine Folge der Fehler in dem von ihren westeuropäischen Brüdern angewandten System. Zunächst betrachtet man die Arbeit an der „Hebung" der Ostjuden als einen Zweig der öffentlichen Wohltätigkeit, an die man mit vietem Gefühl und Idealismus, aber mit wenig Nüchternheit und realpolitischem Verstand herantritt. Sodann gefällt man sich in der Bevormundung und leutseligen Gängehmg der Schutzbefohlenen. Darum hielt man es für gänzlich überflüssig, die Schutzbefohlenen selber zu Rate zu ziehen über ihr Schicksal, sie nach ihrer Meinung und ihren Bedürfnissen zu befragen. Bis zum Berliner Kongress 1878 wurden in verschiedenen Städten Westeuropas zahlreiche Versammlungen abgehalten, die über das Schicksal der rumänischen Juden beratschlagten, aber nur ein einziges Mal wurden diese selber zugezogen, und auch diesmal wurde ihre Meinung nicht berücksichtigt. Die Schutzherren wussten alles allein und wussten alles besser. Während des Berliner Kongresses und des nachfolgenden Kampfes der rumänischen Juden um ihre Heimatsberechtigung wurden ihre Meinungen und Wünsch« völlig ignoriert, der Kampf auf ein falsches Gleis geführt, und obgleich er mit dem traurigsten Fiasko endete, wurde mit diesem System nicht gebrochen. Man wendete es mutig und unentwegt auf die galizischen Juden in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren vor dem Kriege an, man beriet und beschloss über sie, ohne sie, und ohne die leiseste Ahnung von den tatsächlichen Verhältnissen, unter denen sie lebten, und von dem, was ihnen in Wahrheit nottat. Man findet in deutscher Sprache die besten Bücher über die Feuerländer,, und Fidschi-Insularier, aber keine einzige brauchbare und zuverlässige Abhandlung über die Ostjuden. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Theologe, eine Komiteedame oder ein Literat dort ,,hinunter"*, ausgerüstet mit vollständigem Manger an Vorkenntnissen und voll von Reformplänen, besah sich die Dinge durchs Eisenbahnfenster und schrieb dann flink eine Broschüre, in der versichert wurde, die Verhältnisse seien grauenhaft und man müsse zwecks Abhilfe — —. Almosen sammeln, flammende Proteste erheben, Beratungen abhalten." („Ost und West", XIX/11/12.) Warum! keim Pogromprotest der Entente? „Israel" (Rom, V. 2/4) bringt auszugsweise einen Artikel, den Lebedcw, der ehemalige russische (Minister unter Kerenski, in der Zeitschrift „Pour la Russie" veröffentlicht hat. lebedew schildert die Verfolgungen, denen die russischen Juden in Polen und in der Ukraine ausgesetzt sind und die Pogrome,, welche die Truppen Denikins veranstaltet haben. Er fährt dann fort: „Was taten die verbündeten Regierungen, die es Depikin doch erst ermöglicht haben, seine Diktatur über ganz Mittelrussland zu errichten, indem sie ihn mit allen Kräften moralisch und materiell unterstützten? Wo sind ihre Proteste? Sic haben es verstanden, gegen den