Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1920)
- Article
- Der Standpunkt
- Date
- 1920-02-10
- Page
- Seite 216 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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216 aber, für Schieber und Schmarotzer, wollen wir keinen Finger rühren/1 — Dieser „Standpunkt", den im Hamburger Israelitischen Familienblatt ein braver Mann einnimmt, der es sich vorgenommen hat, „ein ernstes Wort in emster Stunde" zu sagen, verdient einmal als das festgenagelt zu werden, was er ist: als eine Verlegenheitsphrase. Sagt lieber •qhrlich, .wie Ihr es meint: die Hauptsache ist, dass wir hübsch loyal sind und nicht den Verdacht erregen, „Interessen des deutschen Volkes" zu verletzen. „Wir können von der deutschen. Regierung und vom deutschen Volk nicht verlangen .. . usw." Nein, gewiss1 nicht! Aber grade drum darf man vielleicht von den deutschen pudert verlangen, dass sie jüdische Dinge mit jüdischen Augen seihen und davon überzeugt sind, dass auch ohne ihr Zutun die „deutschen Interessen" aufs beste gewahrt bleiben. Wäre es den Leuten,, die auf diesem „Standpunkt" balanzieren, wirklich ernst mit ihrer „Ehrenpflicht, für die verfolgten und gefährdeten Dlaubensgenoss-en einzutreten", so hätten sie längst erkannt,, dass es bei dem Geist, der heute in Deutschland herrscht, nur dann möglich ist, für eine Forderung der Gerechtigkeit und Billigkeit mit Erfolg einzutreten, wenn man sie in der prägnantesten Form und mit der grössten Energie ausspricht. Die „naturgemäßen" Grenzen unseres Eintretens liegen nicht da, wo der Antisemitismus* „deutsche Interessen" für verletzt erklärt, sondern wo wir tatsächlich bis an die Grenze des Möglichen unserer Pflicht als Juden genügt haben. — Im übrigen befinden sich „Schieber und Schmarotzer" im allgemeinen in einer so beneidenswerten Lage, dass sie für die Drohung, man werde keinen Finger für sie rühren, unempfänglich sind. Hingegen werden die „Verfolgten und Gefährdeten" immer diejenigen sein^gegen die allein sich jene „unbequemen oder gar als hart empfundenen Massnahmen" richten werden, gegen die man vom „Standpunkt" eines „Verteidigers der deutschen Interessen" nichts sagen kann. Drohung und Versprechen sind daher gleich nichtssagend: die zu Schützenden werden preisgegeben und die Preiszugebenden bleiben geschützt! C. Z. K. Philo Jwdaeus,*> Gabriel Riesser hat . Pech. Pech Nhat der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Der Name „(Gabriel Riesser" darf keinen jüdischen Verlag zieren. Das christlich getaufte Blut der Anverwandschaft gestatte,t es' nicht. Und es gibt Richter in Preussen. Die Erinnerung an das* Judentum Gabriel' Riessers* soll vergessen werden. Wo sind deine Kinder Moses Mendelssohn, Gabriel Riesser und Berthold Auerbach? Sie sind Steuerzahler der St. Markusgemeinde geworden. ... Aber Philo ist noch da. Ein Jude von echtem Kom und Schrot, einer, der vor den wahnwitzigen Kaiser Caligula hintreten wollte und zeugen für sein Volk. Sein Name ziert nun den Verlag des Zentralvereins. Und wenn auch •) Der Centraiverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte seinen Verlag ursprünglich „Gabriel Riesser" genannt. Die Nachkommenschaft Riessers verbot die* Benützung seines Namens, dessen Feder in bekannter Weise für Deutschtum und Judentum hatte wirken sollen.