Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1920)
- Article
- Ausland : Polen [Nachricht]
- Date
- 1920-01-10
- Page
- Seite 179 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908753-2908758--3020-2912552- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
179 Konservative: Agrarier und Industrielle, theoretisch reaktionärer, praktisch fortschrittlicher als die Nationaldemokraten, auch in der Judenfrage, verlangen jedoch Assimilation. B a u e r n g r u p p e n (Stapinski, Witos, Thugutt, Blisinski), in der Agrarfrage radikal, in der Judenfrage mehr oder minder reaktionär. Kommunisten, im Parlament nicht vertreten, Gegner des Antisemitismus, aber auch der jüdischen Bourgeoisie und des jüdischen Nationalismus. Für die Stimmung in Polen und die Art, in der dort der antijüdische Boykott ausgeübt wird, ist der Fall des Präsidenten am >Lodzer Bezirksgericht, Dr. Kehn, sehr bezeichnend. D'ie Regierung vermochte nicht zu verhindern, dass die Richter und Gerichtsbeamten aller Grade mit dem Streik drohten, falls die Ernennung Kehns nicht zurückgezogen werde. Kohn hatj den drohenden Konflikt dadurch verhindert, dass er demissionierte. Ha er einer der bekanntesten Führer der polnischen Assimilation war, hat er selbst die Aussichtslosigkeit der Politik dieser Gruppe ad absurdum geführt. Die Gesamtzahl der jüdischen Ratsmänner (Stadtverordneten) in Polen beträgt 735, davon 194 Ziol-v nisten, 7S Misrachisten, 95 Orthodoxe, 6-1 Bundisten, 68 Poale-Zion, 31 Vertreter der Handwerkerorganisationen, 12 Folkisten, 7 organN sierte Kaufleute, 6 ,,Vereinigte", 1 Assimilant und die übrigen parteilos. Die Posener „Neuesten Nachrichten" berichten, dass seit dem Abzug der Deutschen mehr als tausend jüdische Familien, d, h. gegen 10 Prozent, aus Posen nach Deutschland ausgewandert sind. Trotzdem hat der Prozentsatz der Juden in Posen nicht abgenommen, da viele Juden aus Kongresspolen nach "Posen übersiedelt sind. Litauen. Die litauischen Juden besitzen der Verfassung nach national e Auto n o m i c. Ueber den praktischen Wert dieses verbrieften Rechtes sind die Meinungen sehr geteilt. Von gewissen Seiten wird behauptet, dass es nur auf dem Papier steht, und dass nicht nur in Litauen, sondern in allen ehemaligen russischen Randstaaten ein Zustand der faktischen Rechtlosigkeit herrscht, der nicht prinzipiell, sondern nur graduell wechselt. Der litauische Pogrom nach der Ein-* nähme Radziwilischlcis (das von B.ermond besetzt war) und die äusserst lasche Art, in der der Ministerpräsident Galwanauski dem Protest einer jüdischen Deputation, die vom ehemaligen Unterstaatss,ckretär Rosenbaum geführt wurde, Folge leistet, lassen vermuten, dass die litauischen Juden noch hart nun ihr Recht werden kämpfen müssen, che es aus dem toten Wort zur lebendigen Kraft geworden ist. — Allerdings darf man nicht ohne weiteres die litauische Regierung eines Verrates zeihen, wahrscheinlich ist, dass auch dort die neuen- Männer gegenüber ihren Militärs noch nicht die nötige Autorität besitzen, um ihren guten Willen durchzusetzen. Dass die nationale Autonomie zum mindesten von den litauischen Juden selbst nicht als eine Attrappe angesehen wird, scheint aus den