Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1920)
- Article
- Prozentnorm?
- Date
- 1920-01-10
- Page
- Seite 172 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908753-2908758-2912469--3000-2912545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
172 gestattet, sondern geschützt. Die geschichtliche Entwicklung vom Hofjuden zum Hofbankier liegt auf der Hand. Als der grosse Kurfürst Juden in Berlin ansiedelte, liess er sie in der jetzigen Heydereuthergasse wohnen. Damals hiess das Quartier „An der Unehre" und beherbergte den Henker, den Schiuder und die Dirnen. Das Prinzip hat sich nicht geändert. Die Sitten haben sich verfeinert, der Grad der Sittlichkeit blieb derselbe. In welchen Berufen überwiegen die Juden? In den freien, d. h. den in gesellschaftlicher Hinsicht vogelfreiem. Der 'Advokat, der Arzt, der Schauspieler, der Journalist, — welchem jungen Deutschen aus „besseren" Kreisen gilt ihr Beruf als ein ideales Ziel? Das wurden, — ausser vereinzelten Querköpfen, die eben auch nicht gesellschaftsfähig waren, — .nur die paar Schlucker aus den unteren Schichten, die eine unbegreifliche Nachgiebigkeit gegen demokratische Forderungen auf die Hohe Schule geschickt hatte. Für die anderen gab es nur -ein gesellschaftliches Ziel: den Offizier, oder doch wenigstens den Reserveoffizier in seinen ebenbürtigen zivilen Arten: dem höheren Justiz- oder Regieriuigsbeamten. Macht eine Statistik, welche Berufe die Söhne 'der wissenschaftlichen Grössen in Deutschland sich wählen, und' ihr werdet staunend das Faktum erkennen,, dass', während alle zivilisierten Völker mehr oder weniger versucht haben, selbst ihren Militarismus zu demokratisieren, das deutsche Volk es fertig bekommen hat, auch seine geistigen Schichten zu militarisieren. Der jüdische Arzt, Rechtsanwalt, Journalist — und erst recht der jüdische 'Kaufmann, der ganze HandelsJcategorien geschaffen hat, sie durften jahrzehntelang „an der Unehre" ihres Berufes wohnen. Als dann diese Provinz im sozialen, kulturellen und ökonomischen Leben Deutschlands allmählich „pestfrei*4 erklärt wurde, und auch die Herren aus der Oberschicht sich in ihr anzusiedeln gedachten, sahen sie plötzlich zu ihrem Erstaunen, dass in dem ehemaligen Schandquartier eine „übergrosse" Zahl von Juden wohnten, — weit über jede „Prozentnorm". Jene Juden, die die Nachbarschaft des Schinders1, des Henkers und der Dirnen nicht gehindert hatte, aus der „Unehre" eine Ehre zu machen, die heute sogar junge Deutsche aus den Reihen der „Besten" anziehen dürfte, wenn nicht gerade sie ein Ideal hätten, das fern allen guten Geistern, fern jedem echten Geiste liegt. Hier ist der Angelpunkt. Solange man in (Deutschland nicht Kaufmann, Rechtsanwalt, Gelehrter, Journalist — „Bürgerlicher" sein kann, ohne, offen und insgeheim, von einer auch heute noch wenn nicht regierenden, so doch herrschenden Schicht als minderwertig angesehen und behandelt zu werden, — solange ist nichts zu hoffen. Verjagt heute alle Juden dieser Berufe, ihr werdet morgen diese Berufe selbst vernichtet haben! Solange eure besten Köpfe euch für solches Handwerk zu schade sind, könnt ihr euch nicht beklagen, dass eure Mittelmässigkeiten von uns'ern Leistungsfähigen und Leistungsfreudigen ins Hintertreffen gedrängt werden. — Mechanische Mittel des Ausgleichs sind in geistigen Dingen Verrichter von JBärendiensten. Wollt ihr die Prozente 'normalisieren, so steigert die euren, vor allem — qualitativ. C. Z. K.