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Neue jüdische Monatshefte · 1919-10-25 · Heft 2-4 (25.10.1919) · p. Seite 90

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 2-4 (25.10.1919)
Article
[Rezension]
Date
1919-10-25
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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90 Sphäre des radikal-monotheistischen Glaubens, der die beiden Gotteskampfer angehören, gibt es keine Mittler zwischen dem Ewigen und efem Einzelwesen; umso unerbittlicher, umso tödlicher ist das Ringen. Levin ist ein Meister des psychologischen Details. Sein Werk, das jedem aktuellen Reiz bewusst fernbleibt und das Gebiet der Erotik nur streift, ist fesselnder als tausend Romane, die sich liebevoll in die für die Beteiligten ja nicht uninteressanten Fragen vertiefen, wann, wie und wo Hans und Grete sich paaren. Aus den Zeilen dieses Buches schreit der Mensch, der sich seiner Verlassenheit und der Gleichgültigkeit seines irdischen Tuns bewusst geworden ist. Levrn gestaltet sein Problem nicht wie ein Theologe, sondern als Wahlverwandter leidender Kreatur. Levins Darstellung ist tief eingetaucht in den unerschöpfliche» Brunnen tfralter Tradition, in den Weisheitsborn der Jahrtausende. Ein messiasgläubiges Volkstum von ahasverischer Dauer wühlt in den Wurzeln seiner geistigen Existenz, in den Wunden seines Schicksals. Im Talmud soll das Wort stehen: „Die Welt ist dazu da, zu Ende gedacht zu werden/' Levins Gestalten folgen dieser Anweisung: ihr Wesen ist Denken. Und wenn die Seele an Gott zweifelt, hauchen die Lippen immer noch den trostspendenden Segcnsspruch: „Wie gut sind Deine Zelte, Jakob, Deine Wohnungen^ Israel." Paul Mayer Gertrud Marx: Jüdische Gedichte. (Im Auftrage der Familie der Dichterin herausgegeben und eingeleitet von Bertha Badt.) Jüdischer Verlag, Berlin 1919. Preis geb. 6 Mark. Es ist eines von den Büchern, zu denen man ein Gemütsverhältnis gewinnt. Denn eine Frau, eine Frau, deren .Weltbild in jedem Strich das Zeichen innerlichen Judentums trägt, weist darin die Falten ihres Merzens. Wenn fromme Seelen auch dieses Bild schon in der Jugend vor sie stellten, es wäre verschwommen, vielleicht untergegangen, hätte diese wahrhafte Jüdin es nicht in starker Seele gehalten, gewillt und entschlossen ihr (angestammtes Erbe mit seinen Schätzen und Bedingungen neu zu erwerben, zu bewahren und weiterzugeben. In stetem Ringen und „liebendem Gedulden" verschmilzt sie mit ihrem köstlichen Ziel, und ihren Lippen ctitbrechen jubelnde Bekenntnisse, dass Gott sich ihr geneigt und zu erkennen gegeben habe. Andachtsvoll horcht sie auf seine Winke, unterwirft sie sich seinen Gesetzen und Bestimmungen. Dass Er es wohl machen wird, ist das demutsvolle Grundmotiv ihres Lebens, wenn sie aus tiefem eigenen Leid das Haupt aufrichtet oder die Schmerzen um ihr jahrtausendelang gequältes Volk besiegen will. Eine Mutter in Israel — in ihrer Brust hallen die Klagen vergangener Geschlechter wider, webt wehevolles Ahnen um :das Los der Enkel. Sie wird endlich gttröstet durch den Blick nach den verheissenen heimischen Gestaden, und ihre Zuversicht erhebt sich an den jungen Zionskämpfem. Man fühlt sich bereichert durch die '-Begegnimg mit dieser Jüdin, in deren Seele kraft ihres gotterfüllten Willens immer Feiertag ist. In ihrer religiösen Innigkeit und Gottversunkenheit erinnert sie an unsere Dichter aus dem Mittelalter.

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