Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 2-4 (25.10.1919)
- Article
- Ben Awigdor, der Schöpfer des modernen hebräischen Buches
- Date
- 1919-10-25
- Page
- Seite 53 (sequence 2)
- Language
- German
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53 sonen vom Erscheinen des Buches; er bot es ihnen an. Dem Buch vorangestellt wurden Empfehlungen und Gutachten berühmter Männer. Jedes Buch bildete —- auch ökonomisch — eine eigene Individualität; keine Organisation, kein Markt regelte Produktion und Absatz. Dieser Zustand galt im wesentlichen auch für die ganze Epoche der neueren -weltlichen hebräischen Literatur. Noch das Buch der 'Haskalahperiode wurde in gewissem -Sinne jeweils vom Autor verlegt (auch wenn dies oft durch den Namen des Druckers verhüllt ward) und von ihm vertrieben. Verlag, Buchhandel waren unbekannt oder erst in leisen, kaum beachtlichen 'Anfängen vorhanden. Dieser Zustand konnte nicht andauern. Es lag in der Tendenz des modernen jüdischen Lebens, ihn zu beseitigen. Die Verweltlichung des jüdischen Lebens, die Anstrebung seiner Spaltung in eine profane Sphäre des Alltags, des Erwerbs, des „Draussen" und der Weihe, des Religiösen, des „Innen", dieser Grundstruktur der Ghettoform der jüdischen Existenz, — die Profanisierung der spezifisch jüdischen Sphäre, diese zentrale Grundtendenz des modernen .jüdischen Nationalismus erforderte auch die Verweltlichung und Profanisierung -des hebräischen. Buches. Wie es der Entwicklungsgang der hebräischen Literatur war, aus einer Erhebung geweckter Stunden und einzelner geistig interessierten zu einer Angelegenheit des Volksganzen, zu einer Sache des Alltags zu Hverden, so musste auch das hebräische Buch aus seiner Abgesondertheit vom realen Leben des Tagies und der Masse heraustreten und diesem Leben selbst eingeordnet werden. Die Modernisierung, die Organisierung, die Oekonomisierung des hebräischen Buches, die aber deutlich war mit seiner Popularisierung, war unvermeidlich. Der Moment, da sie erfolgte, leitet die neue, die neueste,-die moderne Epoche des hebräischen Buches ein. Der an ihrer Schwelle steht, der den Grundstein in jdieser Entwicklung gelegt, sie in entscheidender Weise in Fluss gebracht hat, ist B-e n - A w ig do r. Ben-Awigdor ist der erste hebräische Verreger im modernen, europäischen Sinne dieses Wortes; der erste, der Bücher zu billigen Preisen hergestellt, ihren Vertrieb organisiert hat; der erste, der Autoren Werke abgekauft, der Honorare gezahlt hat. Was ihn charakterisiert, seine Leistung so bedeutsam und unendlich sympathisch macht: er ward Verleger nicht aus ökonomischen Motiven, sondern aus geistigen Gründen; aus Einsicht der Notwendigkeit, aus idealem Streben, der Allgemeinheit zu dienen. Er war von Haus aus nicht Kaufmann, sondern Schriftsteller. Und auch als solcher in erster Reihe vom Willen getrieben, die hebräische Literatur zu „demokratisieren", sie zum Allgemeingut der jüdischen Volksmassc zu machen. Die Ansätze dazu waren bereits vorhanden. Die erste hebräische Tageszeitung (der „Hajom") war bereits ins Leben gerufen worden (durch Dr. Kantor). Die Tendenzen zur Ueberwindung des Melizatstils, jenes gespreizten, gekünstelten, antiqtiiricrenden, selbstgefälligen Stils der Haskalahzeit, der deutlicher als alles den wirklichkeitsfremden Charakter der hebräischen Literatur kennzeichnete, waren bereits im Erstarken; schon zersetzte Frischmann durch die Lauge seiner satirischen Kritik die Selbstgefälligkeit und den gespreizten Ernst dieses Stiles, schon begannen andere einfacher, klarer, natürlicher zu schreiben.