Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 23-24 (10.9.1919)
- Article
- Der neue Balkan
- Date
- 1919-09-10
- Page
- Seite 511 (sequence 2)
- Language
- German
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511 Gerade in ekiem Momente, wo der Reichskanzler Dr. Karf Renner ider einzige grosszügige Politiker Neuösterreichs dessen Staats, rüder lenkt, und der ihm so nahestehende Führer der tschechischen separatistischen Sozialisten, T u s a r, einer der fähigsten Köpfe K a b i n e t - chef der Tschechoslowakei ist, rnuss in Wien und Prag der Weg des Völkerausgleiches auf demokratischer Grundlage sowie radikaler Sozia'- reformen betreten werden, damit nicht polnische und ungarische Zustande eintreten. Immer lauter forderte man in Wien von Seiten nationalistischer Exaltados und Antisemiten die Ausweisung aller Flüchtlinge, besonders der galizisch- und ungarisch-jüdischen — ja einer der geistigen Inspiratoren dieser Kundgebungen ging soweit, die Sistierung der Brotkarten für Juden und Tschechen in Wien zu beantragen. Gewiss ist die wirtschaftliche Lage der Bewohner Wiens und speziell auch die der produzierenden Jüdischen Bevölkerung eine überaus traurige, hervorgerufen ganz besonders durch seine Absperrung von Ungarn und den angrenzenden slawischen Nationalstaaten, sowie weiter durch die hermetische Abschliessung — Die u t s c h -O e s t e r r e i c h s (!) von seiner eigenen Hauptstadt Wien. Aber durch eine tofle Nationalitäten hetze und einen wüsten Antisemitismus wird man weder in Deutschösterreich, noch in der Tschechoslowakei, weder in Polen noch in Ungarn, Jugoslawien oder Rumänien die wirtschaftlichen Verhältnisse bessern, sondern nur Wasser auf die Mühle der verschiedenen sHo z i a l r e v o i u t i o - n ä r e n Bewegungen treiben. Sofort, als die ersten Rufe nach Ausweisung der frcrndnafionalcn Flüchtlinge aus Deutschösterreich laut wurden und man nach den behördlichen Kundgebungen nicht nur die Ausweisung der galizisdhen und ungarischen Flüchtlinge, sondern auch von tschechoslowakischen Bürgern aus Wien, sowie überhaupt aus Deutschösterreich befürchten musste , erhob sich ein gewaltiger Sturm im tschechischen Blätterwalde. Selbst das Organ! der tschechischen Sozialdemokratie Wiens erhob gegen die deutschen „Genossen" die bittersten Vorwürfe und schwersten Anklagen wegen ihrer Stellung in der Flüchtlingsfrage. Diese bot auch der polnischen Regierung, die im gesamten polnischen Staatsgebiete ruhig die Judenpogrome und die Herabdrückung der Juden zu Staatsbürgern 2. und 3, Klasse duldet, eine geeignete Gelegenheit, als Schützer in der Rechte der galizischcu Juden in Deutsch-Oesterreich und Ungarn aufzutreten. Der polnische Gesandte in Wien verwahrte sich gegen die plötzliche Ausweisung der galiztschen Juden aus Wien und betonte aufs nachdrücklichste, dass in der Lebensmittelversorgung Wiens durch die Entente auch die galizischcn Flüchtlinge eingeschlossen seien. Ebenso nahm einige Wochen vorher — in der Aera Bc Ta Kuhn . der polnische Konsul in Pest gegen die Ausweisung g a f i z i s c h e i Juden aus Pest Stellung und drohte mit <fen schärfsten Massnahmen, falls die Ausweisung aus Pest nicht sistiert würde. Ob dies nun geschah, um die Rückkehr der jüdischen Flüchtlinge aus Ungarn mich