Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 18 (25.6.1919)
- Article
- Ein Chorjunge
- Date
- 1919-06-25
- Page
- Seite 399 (sequence 2)
- Language
- German
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39t gehen fürchtet, hockt er abends draussen auf dem Boden und singt das Lied vom Grafen, der in den Wald gegangen ist/ Auf der Oasse sind um diese Stunde nur Weiber zu sehen, und vor Weibern hat sogar so ein Jossele keinen Respekt. Wenn aber der erste Ton des Schejfors2) erschallt und das Städtchen erzittert, verwandelt sich dieser Jossele aus einem Wurm in einen Menschen. Das ist seine Zeit. Der Chasen3) aus der Schul kommt seinen Vater bitten und tuschelte mit ihm. Auch der Chasen aus dem Bejss-Medresch kommt mit dergleichen Bitte und tuschelt mit dem Vater. Und Jossele hüpft draussen lustig herum und quietscht die traurige Weise: „Mi lechajim umi lemowes."4) Die erste Rolle spielt Jossele am Rosch-Haschono beim „Unessano tejkef"ß). Der Chasen singt mit schluchzender Stimme den Text, die Chorsänger sekundieren. Lejbel Bemner, der Bass, reckt den Hals, reisst den Mund weit auf und lässt ein mächtiges „Ba~a—am" los. Das alles ist aber noch nichts* Der Chasen blickt Krapei, einen kleingegewachsenen Burschen mit geschwollenem Gesicht und einem Gummikragen — fünfzehn Jahre ist der Bursche schon alt! — fragend an: Wie weit sind die Chorjungen? Krapei gibt ihm singend Antwort. Nun winkt der Chasen Jossele, und Jossele beginnt: „Wekejl demomo dako jischoma . . ,"6), Es klingt, wie wenn ein Engel vom Himmel mit hoher Stimme in den Chor eingefallen wäre, und schon erhebt sich in der Weiber» schul ein Schluchzen. „Lass sie winseln!" winkt der Chasen dem Bemner, und Jossele singt so, dass sein Buckel erzittert: „Umalochim iejehofejsun . . ."7). So ist es richtig; die Weiber beginnen laut zu heulen. Jossele steht auf einer der Stufen, die zum Orejn-Kejdesch8) führen, neben ihm steht Reb Jissroel Kubil der Vorsteher, der eine „Psiche"9) erwischt hat. In diesem Augenblick geniesst Jossele mindestens das gleiche Ansehen. Er singt drauf los. Um ihn herum stehen die Jungen aus reichen Familien in neuen Feiertagskleidern. Der Schames01) wagt es nicht, sie von den Stufen zu vertreiben. Voller Neid schauen sie Josseies Buckel an, und Jossele blickt auf sie stolz herab und singt „Wechü ureodo jejchejsun."'11) Und die Stimme klingt immer höher, immer herzzerreissender, und das dünne Hälschen scheint immer länger und länger zu werden. ... Wenn aber die „Furchtbaren Tage1*'* vorüber sind und Jossele wieder auf der Gasse liegt und quietscht, ohne dass ihm jemand zuhört, ~ so wundert sich mancher Vorbeigehende: Es war ja doch nur Jossele, dieser selbe Jossele mit der quietschenden Stimme, — warum musste man da so weinen, warum? Jossei hüpft, sein Buckel tanzt mit und singt: „Mi lechajim umi lemovves . . 2) Schejfor —- Widdenhorn, das am Rosch Haschono (Neujahr) geblasen wird. 3) Chasen — Vorbeter, Kantor. „Wer zum Leben und wer zum Tode (eingehen soll)" — aus dem Neujahrsgottesdienste. 5) „Wir wollen künden die Erhabenheit . . ein besonders ergreifen- 6) „Und es ertönt eine leise Stimme . . 7) „Und die Engel beben . . ." 8) Orejn Kejdesch — die Heilige Lade, in der die Thorarollen aufbewahrt werden. 9) Psiche — die „Oeffnung" der Heiligen Lade bei gewissen Gebeten. Ist ein Ehrenamt. 10) Scham es — Bethausdiener. n) „Angst und Grauen ergreifen sie." ™) Die Furchtbaren Tage — Rosch Haschanah (Neujahr) und Jörn Kippur (Versöhnungstag).