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Neue jüdische Monatshefte · 1918-12-25 · Heft 6 (25.12.1918) · p. Seite 135

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 6 (25.12.1918)
Article
Die sozialen Lehren der deutschen Revolution für den Neuaufbau Palästinas
Date
1918-12-25
Page
Seite 135 (sequence 4)
Language
German
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133 darüber hinaus zu einer Sozialisierung sämtlicher Produktionsmittel schreiten. Deutschland bleibt trotzdessen infolge seiner gesamten wirtschaftlichen Struktur durchaus auch weiterhin in die Weltwirtschaft verflochten. Wir würden also dann zum erstenmal in der Weltgeschichte erleben, daß ein Staat mit sozialisierten Betrieben gegonüber anderen Staaten, die privatkapitalistisch orientiert sind, in Wettbewerb tritt. Auch hier würde, um es wieder zu betonen, ein negativor Erfolg auf Palästina niemals zu übertragen sein, da die deutsche Industrie unter den ungünstigsten Bedingungen —- den abnorm hohen Steuern, Rohstoffmangel, schlechte Anlagen — in Konkurrenz treten müßte. Ein positives Resultat würde aber den Gegnern jedes sozialistischen Staatswesens ihr Hauptargument zunichte machen, Es wäre damit nachgewiesen, daß die wirtschaftlichen Vorteile, die ein zentralisierender Staatsbetrieb mit sich bringt — sie sollen hier nicht einzeln nachgewiesen werden —, die Nachteile des bureaukratischen Systems überwiegen. Die Bedeutung eines derartigen Tatbestandes für den Aufbau >der palästinensischen Wirtschaft kann meiner Ansicht nach kaum überschätzt werden. Die Frage nach der wirtschaftlichen Form ist nicht etwa eine Doktorfrage; in Deutschland, in dem das privatkapitalistische Prinzip solange bestand, und die Arbeiterbevölkerung in weit günstigere ökonomischen Verhältnissen lebte als beispielsweise der größte Teil der Ostjuden, ist diese Frage, wie die Ereignisse lehren, zur wichtigsten Frage für das ganze Volk geworden; in Palästina noch weit mehr; dort sind keine alten Widerstände zu überwinden, dort gilt es kein altes Wirtschaftssystem, das durch das Trägheitsgesetz weiter besteht und erst einer fundamentalen Erschütterung bedarf, um in ein sozialistisches übergeführt zu werden. Dort handelt es sich um Juden! In einem Aufsatz in dieser Zeitschrift .— im Dezemberheft 1917 — habe ich ausgeführt., wie unauslöschlich in der jüdischen Seele der Selbständigkeitsdrang ausgeprägt ist; die schweren Probleme, die uns die Landarbeiterfrage in Palästina aufgibt, beruhen letzten Endes darauf; durch schrittweise Überführung der jüdischen Landarbeiter zu selbständigen Kolonisten hofft man dieser Schwierigkeiten Herr zu werden. Die Forderung nach dem Obereigentum des Staates entspricht demselben Gedankengang. In der Industrie werden ähnliche Fordeningen laut werden, wenn anders jüdische Industrien mit jüdischen Arbeitsheeren erstehen sollen und nicht Führer ohne Soldaten. Auch heute wissen wir nicht zu sa-gen, wie diese- Forderung bei der wirtschaftlichen Gestaltung Pa-lflstinas realisiert werden wird, wie wir eine) Synthese schaffon werden von jüdischem Unabhängigkeitsgefühi und Einordnung in die Gemeinschaft, Nur dieses ist gewiß: die deutsche Revolution wird uns ungeachtet der so verschiedenen Struktur der beiden Ländor mit ihrer fundamentalen Umwälzung und Umwertung aller sozialen Formen beim Wiederaufbau unserer alten Heimat ein — vielleicht der einzige praktische — Lehrmeister sein.

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