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Neue jüdische Monatshefte · 1918-11-10 · Heft 3-5 (10.11.1918) · p. Seite 114

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 3-5 (10.11.1918)
Article
[Rezension] / Feuchtwanger, Sigbert
Date
1918-11-10
Page
Seite 114 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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112 tiieraturMatt lIDflOEEfiDODOj]© L. Audnal. Der Holzweg, ein Berliner Roman. Berlin. Erich Reiß Verl. 1918. „Werther der Jude" redivivus. Der junge deutsche Jude Leo hatte sich 1890 von seinem Judenleid durch Selbstmord erlöst — eine Kugel vor den Kopf, das war ihm dio Lösung der Judenfrage. Sein Schöpfer Jacobowsky hat freilich später selbst bekannt, daß er diesen sentimental - romantischen Schluß nicht mehr als zwingend anerkennon könne, unbeschadet seiner unveränderten Anschauung über die deutsche Judenfrage und ihre Lösung: das völlige Aufgehen der Juden ins Deutschtum. Im „Holzweg" ist 1918 der tote Werther wieder erstanden und zwar in drei Gestalten, die an der Judenfrage leiden und eine Lösung suchen. Einig sind sie alle einerseits im Jammern über die ungerechte Behandlung der Juden durch die deutsche Gesellschaft, andererseits in der Verurteilung der unangenehmen jüdischen Eigenschaften: Protzerei, Geld sucht, Kulturlosigkeit, wobei in.sehr anfechtbarer Verallgemeinerung die Judenheit von Berlin W als Repräsentantin der gesamten deutschen Judenheit hingestellt wird. Der eine Held, Erwin Frank, sieht das Heil, wie seinerzeit Werther" im möglichst radikalen Verschwinden, nur wühlt er einen weniger romantischen Weg als den leiblichen Selbstmord. Er läßt sich taufen und heiratet eine urgermanische, uradelige verarmte Ofüzierstochter. Dio zweite jüdische Figur ist Karl Himichen, genialer Naturforscher, germanisch nach Namen und Aussehen, edel gebaut und edel gesinnt wio Held Siegfried — eine romanhafte Figur, die wie manche andere Eigentümlichkeit des Buchs daran denken läßt, daß eine Frau sich hinter dem Namen „Audnal" verbirgt. Karl, dem trotz hervorragender Leistungen ein akademischer Lehrstuhl versagt wird, weil er sieh nicht taufen lasson will, spricht die Hoffnung aus, dio Nacht des Vorurteils werde sich auch in Deutschland einmal lichten, und harrt mutig aus. — Die dritte Figur, Elise Frank, Schwägerin Erwins, Freundin Karls, schlägt, angewidert von dem antisemitischen Getriebe in-Deutschland, einen anderen Weg ein: Sie wandert voller Haß gegen ein sich dergestaltselbst beschmutzendes Vaterland mit ihrem Sohne aus, da sie diesem die häßlichen Erfahrungen der deutschen Ungerechtigkeit und Gehässigkeit ersparen will. — Mit Rede und Wechselrede über die Judenfrage ist ein großer Teil des Buches angefüllt, über die Juden frage, als die Frag e der Gleichberechtigung. Das Buch ist symptomatisch für die jüdische Weltanschauung gewisser jüdischer Kreise Deutschlands: Sie sind in der Beurteilung der Judenfrage und damit in der Bewertung ihrer eigenen Persönlichkeit immer noch Über 1890 nicht hinausgekommen, also ein — zeitgeschichtlich botrachtet — unmodernes Buch. über .den künstlerischen Wort des Buches ist d a m i t noch nichts gesagt. Der Gesamteindruck leidet allerdings dadurch, daß darin zuviel diskutiert wird. Der Verfasser hat viel und gut beobachtet, aber man wird den Eindruck nicht los, als habe er das, was er beobachtet, als darstellbar erst sehen gelernt durch die bekannten klassischen Darstellungen analogen Milieus, z. B. bei Heinrich Mann und Fontane "u. a. m. Am besten und persönlichsten geschaut scheint mir die alte, fromme Malchen Frank; aber selbst bei dieser Figur zweifelt man an der Originalität der Beobachtung, wenn man liest, wio Malchen sich über ihre unfrommen, sich die Mazzos mit Butter streichenden Kinder entrüstet, andererseits aber ihrem Mann zum Frühstück Kaviar aufs Brot streicht. Dr. Siegbert Feuchtwanger, München Äffi^^ Und 1?£ deQ Vcrlft": Ml*tin 0oetz> Berlin-Charlottenburff Nachdruck der Beitrüge^den Tagoszc tuncren mit genauer Quellenangabe gestattet Gedruckt bei «fullus Slttenleld, Herlin W 8

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