Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 12 (25.3.1918)
- Article
- Gustav Meyrink [Rezension]
- Date
- 1918-03-25
- Page
- Seite 289 (sequence 2)
- Language
- German
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239 dieser Okkultist und Mystiker zugleich unerbittlicher Antispießer, scharfer Satiriker all jener winzigen Wichtigen: des Bürgers, des Leutnants, des Sportsmanns, des Kavaliers, des Bureaumenschen, des Mediziners usw. So führt den Dichter sein Weg zum Jüdischen. Er zeichnet groteske Bilder jüdischer Spießer, im Materiellen haftender entgeistigter allzu assimilationsbeflissener Juden (z. B. den Kommerzialrat Sonnenschein und den Leutnant Hehler in „Prag" 2). Seine Liebe aber gilt dem jüdischen Volk, dem lebendigen Träger uralter Tradition und urferner Zukünftigkeit. Dem Volk, dessen jahrtausendaltem Leben nichts Menschliches, Leid noch Freud, fremd geblieben. Das seit Urväterzeiten unmittelbar Z wiesprach mit dem Göttlichen pflog. Das in der wechselnden Buntheit seines äußeren Schicksals die Gleichnishaftigkeit und Vergänglichkeit des sinnlichen Daseins zu tiefst erlebte. So erscheinen bei Meyrink der jüdische Prophet Elias oder der ewige Jude den Menschen, die aus der Unzulänglichkeit ihrer Diesseitigkeit heraus inbrünstig nach ihrem „wahren Ich11 suchen, zum „Erwachen" streben, während Europa blind in hastiger Gier gottverlassen dem Untergang entgegentaumelt.. So steigt dem Dichter auf die Vision — elende Östliche Juden, den Pack auf dem Kücken, drängen hastend, gebückt übers Meer, wie auf den Ruf einer jenseitigen Stimme, heraus aus dem europäischen Untergang, einer neuen menschlichen Gemeinschaft zu. Den weisen Juden Sephardi läßt er aussprechen, was jene unbewußt treibt. Im blutigen Pogrom verliert der Jude Eidotter Weib, Kind und Gut und gewinnt dafür die Seele, das innere Licht. Dem dunkeln Haß \Vassertrums wirkt entgegen die lichte Liebe HilLels wie das gute Weltprinzip dem bösen in der Käbbalah. Gerade die jüdischen Lebensäußerungen, die der moderne Mensch mißverstehend als grotesk bestaunt, als komisch belächelt, als Unsinn j verurteilt, sind dem ' Dichter die 2) Des deutschen Spießers usw., Bd. m. bizarrgeformte Schale, unter der der Kern der tiefsten Wahrheit sich birgt. Er versteht die chassidischc Inbrunst, die die Gottheit zum Menschen herabzwingt. So mußte ihm, der als Denker das Übersinnliche im Sinnlichsten sucht und es als Künstler in körperlichen Formen zu gestalten strebt, die Käbbalah zum großen Erlebnis werden, dieses mystisch - mysteriöse System der Nationalisierung des Irrationalen, der Versinnlichung des Abstraktesten, der Buchstabenmagie, des Zahlenzaubers, der Seelenwanderung. So erlebt der Dichter im Prager Ghetto steingewordene Vergangenheit und geheimnisvolle Sagen als unmittelbare Kegebenheiten. Noch geht um der Golem, dem die magische Wirkung des Gottesnamens Leben verlieh — das Sinnbild der Seele, die den Weg vom Leiblichen zum Goistigen gefunden hat. Sigbert Feuchtwanger (München). Adam. Drama in einem Vorspiel und vier Akten von Arno Nadel. Leipzig, im Inselverlag 1917. Geh. 4 M., in Leinen 5 M. Die Versuche, biblische Stoffe in moderne Kunst umzusetzen, leiden wohl alle an dem Fehler, daß sie au« dem Rahmen ihrer Zeit herausfallen, das heißt also, ein biblischer Stoff in zeitgenössischer Darstellung ist von vornherein ein Anachronismus. Am deutlichsten tritt uns dieser innere Mangel bei der Umsetzung in Werke der bildenden Künste vor Augen, weil wir hier sofort das Unzeitgemäße sichtbar wahrnehmen und als störend empfinden. Indes auch auf dem Gebiet des Schriftstellers fällt dieser Vorwurf nicht weg, verstärkt sich sogar heim Theaterdrama noch, da zum Stofflichen noch das Ideelle hinzutritt. So ist. auch Nadeis biblisches Drama im Grunde genommen gar keine Dramatisierung von Szenen aus dem alten Testament, sondern eine ganz moderne Behandlung ethischer Probleme. Es ist die Darstellung des Kampfes zwischen Sinneslust und Geist, zwischen Mann und Weib. Beachtenswert ist die dualistische Auffassung des Kampfes des