Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1917-1918
- Issue
- Heft 1 (10.10.1917)
- Article
- Über die Prophetie [Rezension]
- Date
- 1917-10-10
- Page
- Seite 9 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2908689-2908714-2908716-2910240--1146-2910263- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Urwürzei bei den anderen Völkern nur eine schematische — wenn auch vielleicht technisch komplizierte — Mantik herauswuchs, Während die Heroen der biblischen Prophetie die an sich gleichgültige Form mit einem ewigen Inhalt erfüllt haben. Der gToßo Historiker des Altertums, Eduard Meyer, verfällt hier in den gleichen Fehler, wenn er (in „Die Israeliten .und ihre Nachbarstämme41, 1006) in der ägyptischen Mantik des 12. Jahrhunderts einen gleichen Formaufbau (Unglücksweissagung, abgeschlossen durch Ausblick auf eine Ifeilszcit) feststellt und damit eine Quelle der hebräischen Prophetie aufgedeckt zu haben glaubt. Denn nicht das Was, sondern das Wie entscheidet. Es ist hier wie beim schaffenden Dichter: Nicht darauf kommt es an, daß er einen noch nie dagewesenen Stoff behandelt, sondern darauf, ob er einen, meinetwegen tausendfach behandelten Stoff neuer, tiefer, schöpferischer gestaltet Über den Inhalt der Prophetie handelt Hölscher besonders in den Einzeldarstellungen der großen Propheten. Diese bieten viel Anregendes, hie und da Ausgezeichnetes. Aber es fehlt der ordnende Gedanke, da sie nur in sehr losem Zusammenhang mit dem weitausholendon psychologischen Teil stehen. Es sind mehr Einzelbilder, in sich gut abgerundet, und die Beziehungen zur Zeitgeschichte gut herausarbeitend. Ein im ganzen zuverlässig gestalteter litterar-kritisehcr Teil beschließt das Buch; wo die Forschung heute noch kein abschließendes Urteil ermöglicht, regt sich natürlich auch oft der Widerspruch des Lesers. Der wichtigen Frage, ob ein Vorhersehen zukünftiger Dinge den Propheten zugeschrieben werden kann, und wie, wenn das zu bejahen ist, eine Erklärung dieses Rätselsmöglich wäre, ist Hölscher wie die meisten anderen Theologen gar nicht nähergetreten. Auf ganz anderen Grundlagen baut sieh, das Werk auf, das uns Bern]] a r d D u h m kürzlich gegeben hat. („Israels Propheten.u Tübingen. J. C. B. Mohr, 1910. IV u. 483 S.) Wohl niemand aus der '• modernen kritischen Richtung ist kompetenter, über Propheten und Prophetie zu schreiben, als Duhm, denn seine Arbeiten auf diesem Gebiet, besonders die. beiden großen Kommentare zu Jesaja und Jeremia, bedeuten einen Wendepunkt in der Prophetenforschung. Wie sonst selten einer verbindet Duhm scharfsinnige Gelehrsamkeit mit feinstem psychologischem und dichterischem Erfassen der Prophetenseele. Ihm formt sich der einzelne Prophet wirklich zu einer persönlichen, gerundeten, lebensvollen Gestalt, und er versteht dies nicht nur zu fühlen, sondern auch andere fühlen zu lassen. Duhm geht nicht wie Hölscher von einer allgemeinen Theorie des ■Prophetcntums aus. Er baut vielmehr das Gesamtbild aus der zeitliehen Abfolge und den Gestalten der einzelnen Propheten auf. Allgemeine Bemerkungen über den Geist und die Form der Prophetie finden sich genug, aber sie sind verstreut in den Darstellungen dieses und jenes Propheten. Der einigende, durchlaufende Gesichtspunkt ist der historische, und so könnte man dieses Buch eine Geschichte des israelitischen Prophetentums nennen. Wir können uns hier, wo es uns nur darauf ankommt, gewisse allgemeine Probleme .der Prophetie zu beleuchten,