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Neue jüdische Monatshefte · 1917-08-10 · Heft 21 (10.8.1917) · p. Seite 626

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 21 (10.8.1917)
Article
Soziologische Tagebücher
Date
1917-08-10
Page
Seite 626 (sequence 2)
Language
German
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626 stand gegon die vorderasiatischen „Großmächte" ungefähr gleicher Zahl und Militärmacht: das Hhetiterreich Assyrien, Babylonien, Persien. Heut, aber kämpfen die politischen Großunternehmungen gegeneinander, die Trusts der Nationen, Mitteleuropa gegen das angelsächsische Leviathan-Kapital mit seinen unzähligen Trabanten. Aber Motiv und Siegespreis sind noch die pharaonischen, die Landbrücke nach Indien, das militärische Aufmarsch- und Etappengelände und die Herrschaft über den Handel zur See und über Land, Nun wollen England und Amerika das zionistische Ideal verwirklichen, der Judenstaat soll im heiligen Lande neu erstehen. Auch ' schon dagewesen! Auch Cyrus hat die früher fortgeschleppte Bevölkerung zurückgesiedclt — und auch damals ließen sich die Propheten willig einreden, er tue es aus Idealismus, und priesen ihn; aber derweise Cyrus trieb geradeso unidealistische Politik der Macht wie Woodrow Wilson und Lloyd George: sie brauchen eine in Tod und Not ergebene Besatzung für den Brückenkopf, der den Weg nach Indien und Innerasien sichert, und sind froh, daß sie der Selbstsucht ein zartfarbenes Mäntelchen umhängen können: Erfüllung eines zweitausendjährigen Traumes, Schutz einer kleinen Nation. Vielleicht glauben sie sogar daran: der Mensch und die Völker glauben immer, daß das gut und groß und vcrnüftig ist, was ihnen nützt. Wahrscheinlich hat auch Cyrus daran geglaubt, daß er ein edles und frommes Werk tue, wenn er Jehovas Tempel wieder aufbaue. Und die Propheten von heute sind gerade noch so gläubig und lobesfrendig wie damals. Nur schrieben sie im Altertum noch keine Leitartikel in Zeitungen, darin haben wieder die Idiographen recht. Zeitungen sind eine der großen Errungenschaften der Neuzeit. Ich wünsche von Herzen, daß der Traum von Zion Wirklichkeit werde, daß Ahasver seinen dürren Wanderstecken ins alte Land pflanze, wo er wieder Blüte und Frucht tragen soll: aber ich glaube nicht, daß dieser Krieg mit seinem Knäuel von Diplomatenränken die Erlösung bringen wird. Wehe dem jüdischen Volke, wenn es die alte Heimat •gewinnt, ehe der Traum seines Propheten Wahrheit geworden ist von jener Zeit, wo die Schwerter umgeschmiedet sein werden zu Sicheln, und der Löwe Großmacht friedlich liegen wird neben dem Lamm Kleinstaat. Palästina als Pufferstaat zwischen den politischen Loviathan- Trusts: das jüdische Volk würde die Püffe am schmerzlichsten zu spüren haben. Aber vielleicht —1 viele Zeichen sprechen dafür — bringt dieser ungeheure Krieg die Erfüllung des Prophetentraums. Vielleicht ist <3S der letzte Krieg der Menschengeschichte, nicht, weil die Menschen sich geändert haben, sondern gerade weil sie die gleichen geblieben sind: denn nie haben die Herrschenden Krieg geführt, als wenn sie sich davon Vorteile versprachen. Da nun dieser Krieg gezeigt hat, daß sogar der Sieger, wenn es einen Sieger geben wird, daß sogar die Herrenklasse des Siegervolkes nur Nachteile davon gehabt haben wird, wird man vielleicht dieses untauglich gewordene Mittel fallen lassen.

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