Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Der Talmud und das Ghetto
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 591 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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591 ein Abschnitt, aus den Propheten rezitiert. In den Elementarschulen ist die Bibel das eigentliche Lesebuch, aus dem die Kinder lesen und übersetzen lernen. Der Talmud aber ist das hohe Ziel,- auf das alle Bestrebungen gerichtet sind. Wäre nicht der Talmud, so wäre nicht nur die Kunde des Gesetzes, sondern alles Wissen von Natur und Welt versiegt. Das Studium des Talmuds macht weise, klug und fromm, und wer in ,seinen Gewässern zu schwimmen versteht1, wird hochgeehrt. Wenu einer drei Söhne hat, von denen einer ein Handelsmann wird, der zweiU. ein Handwerk ergreift, so wird der dritte dem Studium des Talmuds geweiht, und dieser ist dann die Zierde seiner Sippe. Jede Mutter wünscht sich einen schriftkundigen Sohn, ist sie aber nur mit Töchtern gesegnet, so muß wenigstens ein Eidam in den Gesetzen Bescheid wissen. Auf den Tag folgt die Nacht, nach sechs Wochentagen kommt der Sabbat, vor jeder Mondwende wird der erste Tag des Monats ausgerufen und gefeiert. Dreimal im Jahr eröffnen sich einem die Freuden der hohen Festtage. Den tieferen Sinn aber aller Gebote und Vorschriften zu verstehen, ist allein dem Talmudkenner gegeben. Wohl muß es Leute geben, die den Acker bestellen, die Häuser bauen und für die irdischen Bedürfnisse sorgen. Von hundert Menschenkindern kann sich nur eins der Lehre widmen. Die Arbeit aller anderen gilt den Mittlen, cvx; Arbeit dieses einen — dem Sinne des Lebens. „Bankowskis Hoif* in Wilna Von Hermann Struck haben schon so viel vom Elend der Juden in den Ghettos Wfii von P°^en un(* Litauen gelesen, daß das Auge sich unwülig abwenden möchte, wenn es auf eine neue Schilderung dieses Furchtbaren trifft. Und auch die Feder des Schreibenden verzagt an der Möglichkeit, diesen Empfindungen Worte zu geben, die nun schon lange zurückliegen und doch sich untilgbar eingegraben haben. Ich kannte die Judenviertel von London, Berlin, Paris, Rom, New York und anderen großen Städten; auch die von Warschau und Wilna hatte ich durchwandert, — aber doch war ich noch nicht bis in die Tiefen gedrungen. Die kleinen jüdischen Kinder, die scharenweise in der Kälte des. Winters barfuß durch Wilnas Straßen ziehen, die unglaublich zerlumpten und entstellten Bettelarmen, die sich hungernd in der „Billigen Küchett drängen, die Elenden, Entkräfteten, die anderthalb Stockwerke tief unter der Erde hausen — das alles hatte mich verstummen lassen vor ratlosem Mitfühlen. Aber mehr noch aufwühlender Schmerz ergriff mich beim Anblick von „Bankowskis Hoiftt. Dorthin führte mich eine Dame milden Herzens.