Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 20 (25.7.1917)
- Article
- Der Talmud und das Ghetto
- Date
- 1917-07-25
- Page
- Seite 589 (sequence 2)
- Language
- German
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5&9 und anders deutet. Schlägt man einen Traktat auf, so findet man keinen eigentlichen Anfang und kein Ende. Es werden keine speziellen Meinungen geäußert, keine festen Thesen aufgestellt und keine unumstößlichen Lehrsätze geprägt. Jede Behauptung ist ein Ungefähr, und v/o zwei über die Auslegung eines Gesetzes miteinander streiten, kommt ein dritter und lehrt etwas ganz anderes in seinem eigenen Namen oder im Namen seines Lehrers. In bezug auf die Überlieferung herrscht augenscheinlich die peinlichste Genauigkeit; niemand wird es wagen, an der Vergangenheit zu rütteln, an dem' Gewesenen und von altersher Geheiligten auch nur ein Jota zu ändern — dem hat bereits Moses und der ganze Stab der Weisen für alle Zeiten einen Riegel vorgeschoben: wendet euch von dem, was wir euch lehren, weder zur Rechten noch zur Linken, tut von eurem nichts hinzu; bewahre, daß ihr davon etwas abzieht! Und doch wird in keinem Buche der Juden an der mosaischen Lehre und der der Propheten so herumgemodclt wie im Talmud. Eben diese Auslegungen und Erklärungen, wie die mitunter bei den Haaren herbeigezogenen Beweise und Vergleiche sind insgesamt nichts anderes, als der zweite Teil der Sinaioffenbarung, und werden im Gegensatz zu dem Bundeswerke oder die Schrift ,Die mündliche Lehre1 genannt. Das Aushalten und Verharren bei einem Thema ist die schwächste Seite des Talmuds, das Springen von einem. Gegenstand zum andern vielmehr die einzige Art des Vortrages. Es beginnt zum Beispiel in trockener, sachlicher Weise ein Disput über Gebetsformeln, davon kommt man auf eine Reminiszenz aus der Zeit Abrahams oder Davids, davon auf die Erwähnung eines Vorfalls, der sich in Jamnia oder Cäsaräa abgespielt haben soll, daran knüpft sich die Erklärung irgend eines Verses im Buche Kiob, nebenbei wird Bileam, der Israel in der Wüste Arges angetan hat, ein Fußtritt versetzt. Ein anderes Kapitel beginnt mit der Behandlung von Rechtssachen, bald aber verliert man sich in den verschiedensten Gebieten. In einem Abschnitt ist von Zeugenvernehmung die Rede, und es wird mit scharfen Worten auf die Bedeutung des Schwures hingewiesen; bald wird von Gott, bald von den Engeln, bald vom Satan gesprochen. Wir finden im Talmud medizinische Lehren, astronomische Aufstellungen, Berechnungen über die Abgaben zur Zeit des Tempels, agrarische Vorschriften, Armengesetze, Besprechungsformeln für Geisterbeschwörungen und gelegentliche Äußerungen über Sitten und Bräuche der Völker. Zitate werden aus allen Teilen der Bibel genommen und als Beweise angeführt; sieht man aber in der Schrift nach, so haben die Verso an Ort und Stelle einen anderen Sinn. Für den kleinsten Schriftgelehrten wird Achtung verlangt, und jeder Verstoß gegen die Männer des Lehrhauses wird mit dem Banne bestraft; bald aber wird dieser und jener Prophet gerügt und weder Elias noch selbst Moses geschont. Derselben Buntscheckigkeit begegnen wir auch in der Form. Dialoge wechseln mit Sprüchen ab; indirekte Rede wird mit direkter vermischt; in einem und demselben Abschnitt wird bald aramäisch bald hebräisch gesprochen; hier häufen sich die Wiederholungen bis zur Unerträglichkeit, dort herrscht eine