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Neue jüdische Monatshefte · 1917-05-10 · Heft 15-16 (10.5.1917) · p. Seite 428

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 15-16 (10.5.1917)
Article
Der jüdische Revolutionär in Rußland
Date
1917-05-10
Page
Seite 428 (sequence 2)
Language
German
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428 eine hervorragende Stelle ein und scheint einen der bedeutendsten und markantesten Züge in der Struktur des russischen Geistes überhaupt zu bilden. Es ist nicht so leicht, diese im russischen Sprachgebraudi wie im russischen Gosellschaftsleben so geläufige Vorstellung dem westeuropäischen Verständnis nahe zu bringen, denn sie ist im ganzen Habitus des Volkes verankert und mit den Traditionen seiner Geschichte aufs engste verknüpft. „Bunt" ist eine Art permanenten Protestes von einem mehr individuellen als gesellschaftlichen Gepräge, der sich hie und da In sporadischen Entladungen Luft macht und einem geordneten System organisierter Aktionen nur schwer sich einfügen läßt, da er sich in erster Linie gegen das Wesen der Systematik überhaupt wendet. Der offizielle Sprachgebrauch des alten Regimes pflegte zwar durch diesen Ausdruck" alle Arten von Unruhen und Volkserhebungen zu bezeichnen, und in diesem Sinne wird er auch in der üblichen Umgangssprache verstanden. Doch will dieser Ausdruck eigentlich einen vorwiegend in den Tiefen des Subjekts sich abspielenden Prozeß meinen, einen solchen, dem fast eine metaphysische Bedeutung zukommt, da er im-Grunde seines Wesens und mit seiner äußersten Spitze gegen alles Bestehende überhaupt gerichtet ist, Es war dies das bakunistische Ferment in der nissischen Psycho. Der jüdische Revolutionär hat dem Laufe der Dinge eine andere Wendung gegeben. Er trug in die revolutionäre Bewegung eine geschäftige Sachlichkeit und eino agitatorische Rührigkeit hinein, dio dieser bisher zu fehlen schienen. Die Umrisse seiner revolutionären Physiognomie waren schärfer, sein Auftreten zielbewußter, seine Bewegungen zwar nervöser, aber im Grunde sicherer, und sein ganzes Wesen überhaupt pointierter und zugespitzter. Er brachte ein gewisses marxistisches Element — ein rationalisiertes Pathos, das dem bakunistischen die Wage hiolt. Bakunin und Marx — zwei Pole des revolutionären Gedankens, die sich beim Zusammentreffen gegenseitig abstießen und abstoßen mußten. Aber eine Mischung beider Elemente in einer gewissen Proportion war für die revolutionäre Praxis erforderlich. Andere Traditionen waren es auch, die der jüdische Revolutionär von Hause aus mit sich brachte, und die sein Handeln unbewußterweise bestimmten. Es fehlten zwar die großartigen Überliefeningen von einem Stepka-Rasin, die den mächtigen Unterstrom der revolutionären Aspirationen des russischen Menschen bildeten und dessen revolutionäre Physionomie mit einer dichterischen Glorie umwoben; aber es gab sich hier ein starker alttestamentarischer Einschlag zu erkennen, der mit dem Problem von Gut und Böse bittern Ernst macht, Es fehlte der halb metaphysische, halb ästhetische Charakter des russischen „Bunt4', aber desto schärfer machte sich hier ein ethischer Zug geltend, der dem Willen in dem Rate der Natur eine entscheidende Bedeutung zumißt. Kein Versinken im Absoluten, aber ein Markieren des persönlichen Momentes. Keine Freude am Revoltieren als solchem, aber eine desto größere am Durchführen.

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