Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (25.4.1917)
- Article
- Ostjüdische Erzähler [Rezension]
- Date
- 1917-04-25
- Page
- Seite 426 (sequence 2)
- Language
- German
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426 jidische Kultur überhaupt diese beiden Kennzeichen enthält: Höhe des Ethischen und Primitivität des allgemein „Geistigen". Perez verwandt, doch nicht so gefühlsstark, mehr harmloser, untiefer ist S chol em-Alej ehem. Er ist besonders durch seine humoristischen Erzählungen bekannt, während die hier vorliegenden Stücke mehr von der Tragik des ostjüdischen Lebens sprechen. In „Pessach im Dorfe" und „Eine Hochzeit ohne Musikanten" herrscht das Stoffliche des Milieus oder des beschriebenen Ereignisses vor, obwohl in der ersten Erzählung gute Stellen nacht selten sind. In beiden geht die drohende Gefahr eines Progroms, einmal durch den Ritualmordglauben, das andere während der letzten Revolution noch glücklich vorüber. „Im Monat Elul" gibt eine Handlung aus der Zeit, in der die russisch-europäischen Ideen die jüdische Jugend aus ihrem eingeschlossenen Milieu zu entfremden begannen. Die Handlung ist kunstlos, aber man spürt die Tragik der alten Generation, die verständnislos der neuen gegenübersteht. Arzibaschews „Ssanin" gibt den Anlaß zu einem überreizten Selbstmord. Doch eine gewisse Höhe erreicht Scholem- Alojchem in einer der Erzählungen des Milchhändlers Tewjes. Hier gelang es ihm, einen Typus des Ostjuden, einen gutmütigen, einfachen, lebensfrohen, doch recht weltcinsichtigen und gemütvollen Charakter zu schaffen. Die Mittel der Charakterisierung, sind wiederum konventionelle und der Humor ist kein weiter, aber dio Menschen leben und die Stimmung ist plastisch, das Ganze höchst liebenswert. Dio Liebe vo^ Vater und Tochter und die der Tocnter zum Geliebten entbehren in der schlichten Schilderung nicht der Größe. In seiner Novelle „DerDorf-Zaddik" versucht Scholem Asch das Pantheistische, das Grundcrlebnis des Chassidismus, festzuhalten. Aber er gibt nur die Schilderung eines Dorfmenschen, für den das höchste Lob Gottes das Pfeifen ist. Asch erlebt seine Stoffe nicht so. gefühlsmäßig wie die beiden anderen Dichter. Er setzt die Handlungen zusammen. Er hat schon ein Talent der Schilderung, aber die Ganzheit eines Menschen steckt nicht dahinter, sondern eher das Interesse für ein Motiv, das er gestalten will. Dies läßt ihn weniger wertvolL erscheinen, obgleich er, als Jüngerer, bereits eine kompliziertere Technik besitzt und auch im allgemeinen stärkere Mittel anwendet. Wohl ist hier und da Gefühlsmäßiges spürbar, aber es bleibt vereinzelt zwischen Überlegtem und deutlich Beabsichtigtem. Dio beste Arbeit ist wohl „Menschen und Götter", der jedoch, wie auch bei Perez und Scholem Alejchem, das Tendenziöse anhaftet. Erst wo die Tendenz ganz aufgelöst ist in der Gestaltung, wird ein reines Kunstwerk erreicht. Auch einer Volkskunst, wie es die jiddische erfreulicherweise ist, wird dieses Ziel mit fortschreitender Entwicklung möglich sein. Die Übersetzung von Eliasberg hätte, wsie mir scheint, die Stimmung des Ostjüdischen noch besser herausgearbeitet haben können. Der Übersetzer steht allerdings hier vor der äußerst schwierigen Aufgabe, dem deutschen Publikum Verständliches zu bieten und gleichzeitig das Lokalkolorit durch die eigentümlichen, unübersetzbaren Ausdrücke zu wahren. Eliasberg scheint mir dem deutschen Verständnis doch zu wenig zugemutet zu haben und hat in dem Bestreben, deutlich zu sein, ab und zu die Übersetzung starr und leblos gemacht. Dies war nicht nötig, da ja der Deutsche durch die vielen Jargonanklänge, die die Juden in ihre Verwendung der deutschen Sprache hineingebracht haben, den Ton des Jidischen kennt. Allerdings sind es gerade nicht die besten Seiten der Juden, sondern die unidealischen, welche in den deutschen Sprachinhalt eingedrungen sind. Aber in einer Übersetzung Perezscher Novellen von Matthias Ascher, die ich einmal las, wurde der in Deutschland als unangenehm empfundene Ton gerade dadurch, daß er mutig in. die Ganzheit des ostjüdisci.jii Lebens eingeordnet wurde, wieder menschlich rekonstruiert, von einer die Werte verschiebenden Wirklichkeit gereinigt. Alfred Lemm. X™^n1ild? fllrullie Sehr ftleltuna: Martin Goetz, Berlin-Charlottenburg. Verl«/? der Neuen Jüdischen Monatshefte, lierliu - München. Murtin Goetz. Nachdruck der Beiträge den la^eszeltunKen mit genauer Quellenangabe gistattet. * Gedruckt hei »Julius Sittenfeld. HnfhnchdniHaMv Hm-iin w