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Neue jüdische Monatshefte · 1917-04-25 · Heft 14 (25.4.1917) · p. Seite 413

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 14 (25.4.1917)
Article
Der Refraktär
Date
1917-04-25
Page
Seite 413 (sequence 2)
Language
German
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413 doch im letzten auf der Hingabe des einzelnen an die Gesamtheit, auf dem Gemeinschaftsempfinden, auf der Opferbereitschaft für den Verband, den wir mit dem Namen „Vaterland" bezeichnen. Natürlich empfindet der Refraktär selbst seine Stellung' außerhalb der Gemeinschaft und hält sich von den Volksgenossen fern, so daß man ihm selten genug begegnet. Und doch will ich von einem von ihnen reden, der ein Jude ist. Gibt es doch bei uns Männer von sonst weitem Blick, die ihren russischen Stammesgenossen nachtragen, daß sie ihrem Stiefvaterlande ferngeblieben sind. Sie meinen, die Zeit der Not hätte den Groll tilgen sollen. Sie verurteilen, weil sie den Maßstab eigenen Denkens und Empfindens an Menschen legen, deren Fühlen eine fremde Welt und jahrhundertelanges Leid geprägt hat. Vielleicht legpn sie nach dem Lesen dieser Zeilen den erhobenen Stein still wieder aus der erhobenen Hand. Ich traf ihn am Ufer des blauen Genfer Sees, den der erste Frühlingssonnenschein vergoldete. Er stand an die Steinbrüstung gelehnt und schaute über die schimmernde Fläche hinüber nach den glitzernden Schneefeldern der riesigen Dents du Midi, nach den übereisten Bergen Hochsavoyens. Er war groß und abgezehrt, dürftig gekleidet und hatte die charakteristisch-breiten, starkknochigen Züge eines Typus, den man oft unter den Juden Südrußlands findet. Kein Tropfen Blut belebte die fahle Blässe des Gesichts und unwillkürlich stieg mir der Gedanke auf, ob nicht Gevatter Tod vor mir stehe, der infolge beruflicher Überanstrengung im letzten Jahre einen Erholungsurlaub genommen habe. Und träumend sah ich ihn dahinwandeln zwischen Schützengräben, aufblitzenden Geschützen, unter stürmenden Truppen, — als er den Mund Öffnete und mich mit weicher, erregter Stimme ansprach, ganz wie ein armer, sterblicher Mensch den anderen. Er fragte nach den neuesten Nachrichten von der russischen Revolution, wie das in den Tagen des Zarensturzes drunten unter ganz Fremden an der Ordnung war. Wir plauderten. Er stammte aus einem kleinen Nest in Wolliynicn, lebte seit Jahren wegen eines Lungenleidens in Ciarens und war ein Refraktär. Das erfuhr ich in wenigen Minuten. Da er diese letzte Eigenschaft mit einer Art von Stolz betonte, erbat ich mir Aufklärung über die Gründe seines Handelns. „Sehen Sie,a sagto er, „ich habe den moralischen Mut, mich für feige, halten zu lassen. Das wäre ja kein Kunststück, wenn ich's nicht wäre, dann hätte ich meine ruhige Überzeugung vom Unrecht der Menschen. So habe ich nur die Sicherheit vom Recht meines Standpunktes, und die Umwelt ist scheinbar in ihrezn guten Recht. Ich will nicht töten, weil, ich das für roh, töricht, grausam halte. Aber daneben fehlt mir der Kampfinstinkt, das Vertrauen auf die Kraft. Das ist nicht erst so geworden, seit ich krank bin; immer war ich ein zaghafter Knabe. Und nun muß ich Ihnen gestehen: ich schäme mich dessen nicht, obwohl sich vielleicht die Meinen meiner schämen. Man ist, wie man ist. Ich will mich nicht damit verteidigen, daß Rußland mir und den

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