Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (10.4.1917)
- Article
- Notizen zur Gemeindepolitik [Nachricht]
- Date
- 1917-04-10
- Page
- Seite 394 (sequence 2)
- Language
- German
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394 politischen Bedürfnisse des jüdischen Volkes in Polen darstellt. Daß die Entwicklung in diesem weiteren Sinne in der Absicht der deutschen Regierung liegt, hat der Staatssekretär Zimmermann in jener bekannten, im Heft8 dieser Monatshefte abgedruckten Depesche deutlich ausgesprochen. Die Parteien haben mit allem Eifer mit den Vorbereitungen für die Wahlen begonnen. Hoffentlich wird es weder der polnischen Assimilationspartci noch den Gelüsten der deutsch-orthodoxen Assimilanten, die sich ganz ohne Berufung und ohne Beruf in die Angelegenheiten der polnischen Juden gedrängt haben, gelingen, dem Judentum in Polen das nationale Mark aus den Knochen zu blasen. Staatssekretär Zimmermann hat mit Hecht darauf hingewiesen, dal.) der Gemeinde das gesamte Schulwesen zusteht. Die Bedeutung des Schul* wesens erhellt aus der Tatsache, daß in Warschau allein 23 201 jüdische Kinder die Schulen besuchen', davon 19 040 ausgesprochen jüdische Schulen und nur;>:Uo die allgemeinen städtischen Schulen. Viele Tausende Kinder sind noch ohne Schulunterricht! Dr. Max Kollenscher, {7B00[iTj(TD 07)00 Literaturblatt 03 GOGH ED 00 00 Das selbständige Polen als Nationalitätenstaat*) Es kann nicht geleugnet werden, daß allmählich bezüglich der Lösung des polnischen Problems ein gewisser Pessimismus in Deutschland Platz gegriffen hat. Viele Erscheinungen des öffentlichen Lebens in Polen und drüben wahrnehmbare Stimmungen rufen heute Bedenken hervor. Zweifellos hat die russische Revolution eine werbende Kraft auch in den von uns besetzten slawischen Ländern gezeitigt, deren Wirkung man sich nicht verschließen darf. Kein Wunder, wenn die Zahl der Vorschläge über die zukünftige endgültige Gestaltung des polnischen Staatswesens eino so große ist. Die polnische Frage ist ja so schwierig zu lösen, weil der alte polnische Staat nicht innerhalb seiner althistorischen Grenzen wiederhergestellt werden kann, zugleich aber irredentistischeri Neigungen ein Riegel vorgeschoben und doch eine für die Mittelmächte günstige Stimmung erhalten werden muß. Es ist hier nicht der Platz zu untersuchen, ob die befriedigende Lösung einer so komplizierten Frage überhaupt möglich erscheint. Jedenfalls muß jeder ernste und gründliche Versuch dankbar aufgenommen werden, besonders, wenn er von einem so bewährten Kenner der Verhältnisse und gereiften Politiker wie G o t h e i n kommt. •) Georg Gothcin, M. d. R, „Das selbständige Polen uls Nationalitätenstaat14. Deutsche VerhiRsonstnlt, Stuttgart und Ber- Jin 1017, Preis M. 2,(10. Vieles von dem, was das Buch enthält, ist bereits aus den einschlägigen Aufsätzen Gotheins bekanntgeworden. Dennoch war es verdienstvoll, den ganzen . Gedankenkomplex ausgearbeitet und sorgfältig zusammengestellt der Öffentlichkeit vorzulegen. Der Verfasser weist zunächst auf die Gefahr hin, die sich aus der ungeheueren Volkszahl des russischen Kolosses und seiner riesigen Volksvermehrung für die Mittelmächte nach einigen Jahrzehnten ergeben wird. Er wünscht, daß neben dem eigentlichen Polen mit dem Gouvernement Cholm auch noch andere von uns besetzte Gebietsteile Rußlands dauernd abgetrennt und zu einem selbständigen polnisch - litauisch - kurischen Staatswesen vereinigt werden, das mit Deutschland eine Militärkonvention schließen müßte. Annexionen durch Österreich oder Preußen steht Gothcin aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ablehnend gegenüber. Diesem neuen Staatswesen weist er die Aufgabe zu, „alle in seinen Grenzen wohnenden Nationalitäten in der Pflege ihrer nationalen Kulturgüter zu fördern, jeder die Möglichkeit zur freien Entfaltung ihrer Eigenart und zur Mitarbeit an allen öffentlichen Angelegenheiten zu gewähren. Es überkommt die weitere schwere Aufgabe, den Frieden unter den verschiedenen Nationalitäten zu wahren, jeder Vergewaltigung der einen durch die andere zu wehren".