Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Soziologische Tagebuchblätter
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 356 (sequence 3)
- Language
- German
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356 Interesse des zahlreichen polnischen Bürgertums und der Intelligenz liegt die Dissimilation der Juden" (S. 37). Und ebenso vorzüglich weiter: „Die Frage ist eben eine nationale, weil sie eine wirtschaftliche ist." Unter diesen Umständen ist von der nur bürgerlichen Gleichstellung der Juden keine Lösung des Problems zu erhoffen: sie haben ja in Galizien die „Gleichberechtigung" seit Jahrzehnten, kommen dabei aber politisch und wirtschaftlich immer mehr herunter — und die Assimilation mit den bisherigen Methoden ist gescheitert, wie die polnischen Führer haben notgedrungen zugeben müssen. Nur die Anerkennung dessen, was ist, mag man es lieben oder hassen, des Daseins einer jüdischen Nationalität, als eines unbestreitbaren Faktums, kann aus der Sackgasse herausführen, kann die innere Reibung beseitigen, unter der nicht zuletzt die Polen selbst schwer leiden, Polen kann niemals ein „Nationalstaat", es kann eben nur ein Nationalitätenstaat sein. Im übrigen glauben wir, daß Galizien auch mit der national-kulturellen Autonomie nicht auf die Dauer zu helfen ist. Seine Agrarverfassung ist zu jämmerlich schlecht. Ein Land mit solchem ungeheuerlich geballten Großgrundbesitz kann kein vernünftiges Städtewcsen entwickeln, kann nicht zu Reichtum und nicht einmal zu bürgerlicher Ehrbarkeit gelangen. Es muß arm und korrupt bleiben. Wenn nicht eine gewaltige innere Kolonisation eine halbwegs vernünftige Grundlage schafft, ist dem Lande ebensowenig zu helfen wie Rumänien. Und dann ist auch die Judenfrage nicht gründlich lösbar. Denn so lange ist (ür' Intelligenzen und Gewerbe- und Handeltreibende der Betätigungsraum derartig eng, daß der wütendste Konkurrenzkampf um die allzu spärlichen Stellen an der Krippe fortdauern muß. Und in diesem Konkurrenzkampf werden die Massen der Juden die Leidtragenden bleiben, da die Staatsgewalt und die Konsumenten, nationalistisch-- antisemitisch verhetzt, sich immer gegen sie stellen werden. Wenn aber einmal auf der Kundschaft neuer Bauernschaften zahlreiche wohlhabende Städte entstehen werden, dann wird für Gewerbetreibende und Händler, christlicher und jüdischer Konfession, Spielraum genug sein — und dann erst kann an eine Assimilation im politischen und wirtschaftlich-kulturellen, vielleicht sogar auch im sprachlich-kulturellen Sinne gedacht werden. Wir werden, wenn das neue Regime in Rußland sich hält, sehr bald die Wirklichkeitsprobe auf diese theoretische Rechnung machen können. Und hoffentlich wird man in Galizien und Rumänien die Moral daraus zu ziehen verstehen. Moritz Manheimer , Von Geh. Justizrat Dr. Eugen Fuchs, Berlin Am 27. März 1917 ist die erste Jahreswende des. Tages, .an dem Moritz Manheimer verstorben ist. Am 1. Mai 1917 (nicht 1916) hätte er das 90. Lebensjahr vollendet.