Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Soziologische Tagebuchblätter
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 354 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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354 Soziologische Tagebudiblatter Von Franz Oppenheimer 9. Die Schriften zur Polen- und Judenfrage wachsen zahllos, wie Butterblumen im April. Fast alle haben nur soziologischen 0 b j o k t - wert; sie sind Musterbeispiele für das sozialpsychologische Hauptgesotz, nach dem jedes Mitglied einer kämpfenden „Gruppe" dasjenige fühlen und denken muß, was gerade der Gruppe nützlich und notwendig ist. Es sind Phonographen, die ihre Platten Abrollen und dabei glauben, ehrlich glauben, Menschen mit eigenen Gedanken zu sein, und nach objektiven Maßstitben zu werten. Die kleine Schrift von Dr. Max Rosenfeld: „Polen und Juden" ') macht eino sehr angenehme Ausnahme. Sie ist das Werk eines gebildeten Volkswirts und Historikers mit so viel Objektivität, wie der Mensch mitten im Kampfe irgend aufbringen kann, und hebt sich als solches sehr erfreulich schon durch ihre Haltung aus der politischen Buttorblumenliteratur heraus. Das predigt nicht, beschimpft nicht, klagt nicht an und keucht nicht: das sucht zu verstehen, auch den Gegner, und entwickelt in ruhiger Vornehmheit die Ideologie aller Parteien aus ihrer ökonomisch-sozialen Lagerung. Die Marxscho Geschichtsphilosophie, ist wahrlieh noch sehr unvollkommen, und doch kann man an diesem offenbar an Marx geschulten Denker sehen, wie weit überlegen schon diese kaum mehr als ihrer Absicht nach wissenschaftliche Geschichtsbetrachtung dem ganz und gar im- oder hesser vorwissenschaftlichen Subjektivismus ist, den die meisten Politiker und Historiker für Wissenschaft und Wahrheit halten. Von den praktischen Forderungen, in denen das Bändchen gipfelt, sei nur gesagt, daß sie ungefähr auf das Rennerscho Nationalitätcnprogramin hinauslaufen, das auch wir an dieser Stelle verfechten. Und zwar auch mit Anwendung auf die jüdischen Massen Galiziens, Rußlands (die Broschüre ist noch vor der großen Umwälzung erschienen) und Rumäniens. Es wird mit aller Klarheit gezeigt, daß schon vom rein politischen Standpunkt aus die Juden gar keine andere Lösung wollen können als die Ordnung ihrer sprachlichen und kulturlichen Angelegenheiten nach eigenem Recht imd unter eigener Verantwortung. Denn jede andere Lösung muß sie zum Korn zwischen den Mühlsteinen der einander bekämpfenden slawischen Nationalitäten machen, das ohne Gnade zermalmt wird. Läßt man ihnen nur die Wahl des Anschlusses an eine der kämpfenden Gruppen, indem man ihnen die eigenen Nationalrechte versagt, so zieht man ihnen mit Notwendigkeit die Todfeindschaft der anderen auf den Hals, ohne ihnen damit die Liebe und den Schutz der ersten zu sichern. Es gibt auch für sie keine andere Lösung ihres Existenzprobloms als die, die den Nationalitätenstaat überhaupt erst auf die Dauer möglich machen wird: die Freiheit in allen Dingen, die den Staat als solchen nichts angehen, den Dingen l) Vertag 11. Löwit, Berlin und Wien 1917» 63 Seiten. Preis M. 1,20.