Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Die Revolution in Rußland und die Judenfrage
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 334 (sequence 4)
- Language
- German
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334 Ein längerer Streik schon genügt, um die russische Front wehrlos zu machen, wehrlos durch Munitionsmangel und Hunger. Und das Heer selbst ist, siebentens, nicht zuverlässig gegen den inneren Feind, denn der russische Bauer ist kein Individualist, sondern durch Gewöhnung an den „Mir" Kollektivist und von jeher Agrarsozialist: der Ruf nach der „weißen Teilung" des Großbesitzes schallte immer wieder durch das Land. Wo er aber noch antirevolutionär ist, da ist er gegen jede Revolution, auch gegen die bürgerliche, und die Leiter könnten vielleicht mit 30 bis 40 statt nur mit einer VendSe zu tun bekommen. Die Macht der Popen über die Seelen ist nicht geringer als die der bretonischen Pfarrer! Nein, wir glauben, das um sein Leben kämpfende Deutschland kann mit Ruhe der Entwicklung des erhaben-schrecklichen Schauspiels zusehen, dessen erste Szenen wir soeben erleben. Und was wird die Revolution den Juden bringen? Auf die Dauer gewiß eine bedeutende Erleichterung ihrer Lage, Die Grenzen des Ansiedlungsrayons werden sich ihnen eröffnen, und ihre wirtschaftliche Lage wird sich aus dem zwiefachen Grunde bessern, weil sie sich über ein gewaltiges Gebiet verteilen können, das eines städtischen Elementes von Handwerkern und Händlern dringend bedürfen wird, wenn der russische Bauer, seinor Quäler und Plünderer entledigt, zu größerer Kaufkraft emporsteigt; und weil man ihnen die bürgerliche, wenn auch noch lange nicht die volle gesellschaftliche Gleichberechtigung gewähren wird. Ihr heutiges Elend, das wirtschaftliche und das seelische, ist so abgrundtief, dr.'S jede Änderung schon eine Besserung bedeuten muß. Aber für die nächste Zeit hegen wir schwere Besorgnisse. Wann immer in Rußland etwas Bedeutsames geschieht, sind zuerst die armen Juden, die historischen Sündenböcke, die Leidtragenden. Sie sind der Blitzableiter, durch den sich völkische Spannungen zuerst zu entladen trachten. Nach der Revolution von 1905 begannen die Pogrome schon im Oktober, suchten 690 Städte heim und forderten nach den amtlichen Berichten, die sicherlich stark lunter der Wahrheit zurückblieben, etwa 1000 Tote und 2000 Verwundete. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ähnliche Greuel, vielleicht auf noch größerer Stufenleiter, sich auch jetzt wiederholen. Wehe, wenn das russische Meer zur Sturmflut wächst! Aber hoffentlich ist es das letztemal, daß das gehetzte jüdische Volk durch die „heiße Gasse44 Spießruten laufen muß. Alle Völker Europas bringen Menschenopfer unerhört, um sich eine neue, bessere Zukunft zu gewinnen, und mit ihnen, mehr als irgendein anderes, die Juden, die in allen Heeren bluten und in ihren Wohnsitzen die ganzen Schrecken des Krieges und der alten Wut- und Haßherrschaft zu erdulden hatten. Das muß ertragen werden, und kann heute leichter ertragen werden: denn der Sturz des Zarismus erschließt dem jüdischen Volke neue, hellere Horizonte.