Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Die Revolution in Rußland und die Judenfrage
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 332 (sequence 2)
- Language
- German
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332 krieg das russische Heer zu jedem Offensivstoß unfähig und vielleicht gegen Offensivstöße wehrlos machen, und wird ein Sonderfrieden geschlossen werden, den die neue Regierung ja, wie man sagt, beschließen könnte, ohne auch nur den Buchstaben des Ententevertrages zu verletzen?.... Unsere eigene Staatsleitung würde ja wahrscheinlich bereit sein, dem Gegner Brücken aus Gold zu bauen. Oder wird der revolutionäre Schwung dem gewaltigen Volkskörper Rußlands neue Gigantenkräfte verleihen? Wir hoffen das erstere, unsere Feinde im Westen und Süden geben vor, das letztere zu hoffen, lassen aber starke Beängstigungen erkennen. In die Zukunft zu schauen, vermag niemand: aber unsere Hoffnungen haben die größere Wahrscheinlichkeit für sich. Was die Ententepresse an geschichtlichen Parallelen anzieht, beweist nichts, wie denn geschichtliche Parallelen überhaupt niemals etwas beweisen. Konstante Faktoren des historischen Geschehens sind nur die immer gleichen Grundtriebe und Ziele der Menschennatur: aber jede neue Zeit, jede eigene soziale ökonomische und politische Lagerung zwingt den zu ihrem Ziel strebenden Massen neue, andere Mittel auf. Gewiß, die französische Revolution von 1789 und sogar der Sturz Napoleon III. von 1870 entbanden ungeheure neue politische und militärische Spannkräfte, die der Offensive fällig waren. Aber erstens ist Rußland nicht Frankreich: schon der zehnfach größere geographische Raum — wenn man nur das Europäische Rußland ins Auge faßt — muß gewaltige Verschiedenheiten bedingen. Und dann war und ist Frankreich ein geschlossener Nationalstaat, aber in Rußland steht der Masse des Großrussentums ein an Zahl ihr insgesamt eher überlegener Haufen von Fremdstämmigen gegenüber, die vielleicht ihre eigenen Wege zu eigenen Zielen suchen werden. Zweitens ist heute, wo jeder halbwegs wehrfähige Mann längst unter Waffen steht, eine levee en masse nicht möglich; ein Volksheer, das zum großen Teile aus älteren Männern besteht, hat aber drittens eine ganz andere Psychologie als ein Söldnerheer, wie es vor 1789,' und als ein Aufgebot wesentlich junger Kräfte, wie es 1870 in Frankreich bestand, namentlich, wenn, viertens, ein so langer und verlustvoller Krieg den größten Teil der Berufsoffiziere weggerafft und in fast alle unteren Befehlsstellen Reserveoffiziere gebracht hat, die großenteils die revolutionäre Stimmung und Überzeugung, bürgerlich oder sozialistisch, schon mitgebracht haben. Es gab fünftens 1789 nur den einen Gracchus Baboeuf mit seinem Häuflein der „Gleichen", und sogar 1871 nur eine schwache Kommune in Paris, die dennoch den bürgerlichen Häuptern der jungen Republik unendlich schwer zu schaffen machte, obgleich das Heer noch zuverlässig war, das hauptsächlich aus individualistischen Bauern bestand. In Rußland aber gibt es Hunderttausende von klassenbewußten und auf ihre Klässentheorie fest eingeschworenon Proletariern, die, sechstens, für die Munitionsversorgung des Heeres und den Nachschub an die Front von ungeheuer viel größerer Bedeutung sind als 1870 oder gar 1789, als die Heere noch kaum Material und Nachschub brauchten.