Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- [Rezension] / Loewe, Heinrich
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 327 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
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[10001)000003 Literaturblatt Germano-Judäus: Deutsch, Polnisch oder Jiddisch? Betrachtungen und Urkunden zur Ostjudenfrage. Berlin: C. A. Schwetschke & Sohn. 1916. 34 S. 4 °. Preis: 1 M. Wenn die Juden auch nicht wie andere Nationen in der Sprache, sondern in ihrer historischen Weltanschauung und ihren Brauchen ihr nationales1 Wesen erkennen, so kommt doch auch bei den Juden der Sprachenfrage eine gewichtige Holle zu, die um so sichtbarer wird, je mehr sie sich in ihrer Sprache von ihrer jeweiligen Umgebung unterscheiden. Das ist vor allem in den polnischen, russischen, rumänischen und den daran stoßenden Ländern der Fall. Kein Wunder deshalb, daß heute bei der Neugestaltung der polnischen Verhältnisse auch die Sprachimfrage im Vordergrunde steht. Wer heute in Polen die Erhaltung der jüdischen Eigenart wünscht, und das muß jeder tun, der überhaupt die Zukunft des Judentums bejaht, und zumal die nationale Ausgestaltung dieser Zukunft im Auge hat, kann nicht dazu beitragen, den Untergang des Jiddischen (Jüdischdeutschen) zu beschleunigen. Die nationale Sprache der jüdischen Nation ist esnicht. Es ist nur ein Ersatz der nationalen Sprache, eine der lebendigen Luftwurzeln, mit denen sich die nationale hebräische Sprache an den Boden klammert, um aus ihm Kraft 7ii saugen. Die nationale Sprache ist und bleibt eben nur das Hebräische. Um sie ist auch das Jiddische kulturell herumgelagert, und so weit ihr ein jüdischer Charakter zukommt, ist er in den aus dem Hebräischen entnommenen Elementen gegeben. Deshalb hat an der Erhaltung des Jiddischen das deutsche Volk ein viel größeres Interesse als das jüdische, dessen Zukunft, wie die Erfahrung der Geschichte lehrt, nicht von der Erhaltung zeitweiliger Judendialekte abhängt, sondern von der Ewigkeit der nationalen hebräischen Sprache. Deshalb wird das Hebräische in den befreiten Ghettos sich sehr schnell auch als Umgangssprache ausbreiten, wie es bisher ja 327 00000000 doch die Schriftsprache war, trotz der jiddischen Zeitungen und Schriftsteller. Nur haben auch wir Juden gar keine Veranlassung, den Prozeß des Unterganges des Jüdischdeutschen zu beschleunigen, weil dadurch jetzt gar nicht der Übergang zum Hebräischen, sondern zum Polnischen und Russischen erfolgen würde. Und aus demselben Grunde, aber viel stärker, muß das Deutschtum fühlen, daß es keinen Nutzen davon hat, die wirtschaftliche Brücke des Jüdischdeutschen in den slawischen Osten abzubrechen, und aus drei Millionen jüdischdeutsch redender Juden ebenso viele Polen, wenn auch zuerst noch mosaischer Konfession, zu machen. Die vorliegende Schrift ist besonders durch seine urkundlichen Beiträge beachtenswert. Sie sollte dort Beachtung finden, wo man sich über den Chalakter und die Stellung der jüdischdeutschen Sprache unterrichten will. Für die Zukunft der Juden in einem an das Deutsche Reich angelehnten Polen kommt die natürliche Zerlegung des Jüdischdeutschen in seine Komponenten in Betracht, in das Deutsche und in das Hebräische. Vernachlässigt man die Pflege des Hebräischen, so drängt man unwillkürlich das Jiddische zum Polnischen ab. Denn man würde ihm den jüdischen Charakter und damit die Widerstandsfähigkeit nehmen, durch die allein es der polnischen und andern slawischen Assimilation durch die Jahrhunderte hindurch siegreich widerstanden hat. Die Schrift von Germano-Judäus ist trotz ihres nicht sehr großen Umfanges wegen des in ihr sichtbaren wissenschaftlichen Geistes beachtenswert. Heinrich Loewe. Heinrich MarguÜes, „Der Kampf zwischen Bagdad und Suez im Altertum" Deutsche Orient-Bücherei. Bd. 21. Gustav Kiepenheuers Verlag, Weimar. Preis 1,20 M. Wie schon der Titel der Broschüre andeutet, handelt es sicli hier um eine Konstruktion: die Vergangen-