Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 10 (25.2.1917)
- Article
- Wilnaer Sammelbuch [Rezension]
- Date
- 1917-02-25
- Page
- Seite 297 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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297 sie Kriegsschicksal. Kriegsschicksal derer, die ohne Haß und ohne Hoffnung dastehen, in uralter Zuversicht und uralter Resignation. Denen es kein Gott gab, ihr Leid zu erzählen, —- einsam sitzen sie da und schweigen, denn sie haben es auf sich genommen. Welch namenloses Leid, welch starres Entsetzen in diesen Blilttern! Doch, empfindsamer Leser, dir leuchten hier Märtyreräugen entgegen, eines ahnungsreichen Glückes voll. Ehe du in das Geheimnis dieser Zeilen eindringst, ward dir eine große Freude zuteil.' Denn gelegt haben sich des Schmerzens Stürme, geglättet sind die Furchen des Leids, das vom Nicgeschauten erstarrte Auge blickt milde und beglückt. Dich umfängt der Hauch versöhmmgsreicher Liebe. Das Buch erzählt von den Schicksaleneiner großen und Yornehmen jüdischen Gemeinschaft in den kriegerischen Zeitläuften. Was die ruhmreiche Metropole Litauens, das „litauische Jerusalem", an Herbem und Freudig-Liebreichem, an Dulden und* Schaffen in diesen schweren Jahren erlebte — alles fand hier einen intimen, in seiner Schlichtheit pakkenden Ausdruck. Es sind Gemeinsehaftserlebnissc und -Schicksale, nichts, was persönlich und individuell ist. Oder doch: Hier ward Gemeinschaft zum Individuum, liier ist Gcsamtwille und Gesamtleben alles .Einzelschicksals Quelle und Mündung. So wird hier alles unbeabsichtigte Apotheose des großen Erlebnisses der Gesamtheit. Die aufgescheuchten Judenmassen, die, von -grausamer Hand ihrer Heimstätte beraubt, auf der von Kowno nach Wilna führenden Chaussee ihr Leid daherschleppen, — was sind sie anders, als Manifestationen des ewigen Judenschicksals? Oder der jüdische „Verräter", der im '»(»setzten ostpreußiseheu Flecken dem Russengalgen geweiht ist — stirbt er nicht den Opfertod? Doch auch nicht dem Einzelsein gilt die Mühe dos wort gewaltigen jüdischen Verteidigers, der aus Rußlands Hauptstadt herbeigeeilt ist, um die Kreuzigung des jüdischen Namens abzuwenden (..Rechtshilfe"). | Weil hier aber persönliche und Gesamtheitsschicksale ineinanderfließen, das Selbstgefühl im Gemeinschaftsgefühl aufgeht, wird auch das bitterste Schmerzerlebnis durch die hohe Selbsthin- und -aufgäbe sublimiert. Es gerät nicht in eine seelische Sackgasse, sondern findet den Weg ins Freie und Lichte. Also ward die Liebe dem Schicksal ebenbürtig. Ein Buch der Liebe ist dieses Buch, alles andere ist Beiwerk und Zier. Was hier vom jüdischen Kinderleben und -leid in Kriegstagen erzählt wird, von Kriegs-Kinderheimen, Kinderküchen, Kinderspielplätzen, Kindersterblichkeit ist erschütternd und beseligend zugleich. Kriegsexil, das Kriegsschicksal alter heiliger Thorarallen, die Urgewalt des hebräischen Wortes — von all dem künden diese Blätter. Auf den rnhaltreichtuin des Buches einzugehen, müssen wir uns freilich versagen. Man denkt unwillkürlich: Eine ostjüdische Gemeinde! Eine Kriegs-Sammelschrift. Von den literarischen Beiträgen müssen aber hervorgehoben werden: S. L. Zitron s Erinnerungen an P e r e z und Schalom - A 1 o i - c h e m. Perlen biographischer Anekdotik! Hier ist auch ein köstliches V e r 1 e g e r s c h r e i b e n Schalom- Aleichems an den Dichter J. L. Gordon zum ersten Male veröffentlicht. Von den ausgezeichneten instruktiven Aufsätzen, zum Teil von bleibendem wissenschaftlichen Wert, seien hier „Wilnaer Bibliotheken" und Wilnaer Schulen'* von >f. S c h a 1 i t, „Zur Geschichte der Wilnaer jüdischen Gemeinde" von Z i t r o u , .,Jüdische Wohltätigkeit in Wilna im letzten Kriegsjahr" von L j u b i t s c h , ,,Zur alltäglichen Psychopathologie der litauischen .luden'1 von Dr. A. VV i r s c h u b s k i und eine wertvolle Arbeit über die „Sterblichkeit der Juden in Wilna in den letzten 5 Jahren" von Dr. L. S c h a - b a d erwähnt. Damit ist. aber der Reichtum der 26(5 Seiten umfassenden, geschmackvoll . ausgestatteten und in einem schönen, echt-litauisch- Wilnaer J ü d i s c h abgefaßten Schrift noch nicht erschöpft. Leo Rosenberg. 'Verantwortlich für diu Schriftleitung: Martin Goetz, Bcrlin-Charlottenburß. Ntiohdruck de , HeUrägo den Tageszeitungen mit genauer Qupiienuugrabc gestartet. Gedruckt bei Julius Sittenfeld, liofbuchriraefccr., Berlin W,