Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 10 (25.2.1917)
- Article
- Ein Reichsverband der österreichischen Judengemeinden
- Date
- 1917-02-25
- Page
- Seite 295 (sequence 2)
- Language
- German
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295 Kein Zweifel. Eine Neuorientierung: des jüdisch-politischen Lebens bereitet sich vor, und als erstes Zeichen begrüßen wir (las Streben aller ernsten Elemente nach der endlichen Schaffung einer a u t o r i - t a t i v e n Oos a in t o r g a n i s a - Hon de r ö s t e r r e i c h i s c h e n ,J u d e n. Die bisherigen Versuche, einen solchen Körper innerhalb der Monarchie ins Leben zu rufen, sind bekanntlich mißglückt, und es erscheint nicht zeitgemäß, die trauri-' gen Ursachen nochmals aufzudecken. Die großen Tagungen der Kultusgemeinden im Frühjahr 1908 und 1909 haben nach unerquicklichen Dohatten eine Zwergorganisation, den „Allgemeinen österreichischen Gemeindebund" gezeitigt, der dem übernommenen Auftrage, eine Keichsorganisation ins Leben zu rufen, nicht nachkam. Nun hat im Hochsommer des verflossenen Jahres (bezeichnend und beschämend!) die Regierung, die Sache in die Hand genommen und nachdrücklichst angefragt, wie sich die einzelnen Gemeinden zu dieser brennenden Frage stellen. Uns liegt eine „R esolution des Vorsta n d e s d o r \V i e n e r israelitischen Kultus g e - m e i n d e" vor, welche sich mit erfreulicher Energie an die jüdischen Gemeinden wendet, die „Schaffung einer autoritativen Gesamtorganisation der Juden Österreichs als n o t - w endig, u n e r 1 ä ß I i c h u n d u n a u f s c h i e b b a ru bezeichnet und den prinzipiellen Standpunkt be-' tont, „daß eine solche Organisation einheitlich sein müsse und s it m 11 i c Ii e Kronl ä n d e r z u u m f a ssen hätte". Der früher gern gesehene, ja oft geförderte Partikularismus ist also in dieser Kundgebung fallen gelassen — wenn auch im weiteren Wortlaute eine Organisation mit Ausschluß einzelner Kronländer als „Provisorium44 ins Auge gefaßt und empfohlen wird, falls die endgültige Lösung des Problems nicht gelänge. Daß seither einige Monate vrrr strichen sind, ohne daß .die Öffentlichkeit vom Fortschreiten der Aktion vernommen hätte, ist peinlich, aber nicht beunruhigend. Die neue Frage der Sonderstellung Oaliziens spielt in den Gegenstand hinein und bildet ein retardierendes Moment. Der Reichsverband wird g e schaff e n w e r d e n m ü s - s e n , u n d d e s h a 1 b w i r d c r a u c h c n t s t e h e n. Dr. Otto A b e 1 e s , "Wien. fl01I0[Ln(IDQ3C!lI030i3 Literaturblatt 0000000© Die Juden im Weltkrieg (Kritik und Vorschlag) Etwas Tragisches haftet aller „Abwehr" an: sie beweist' und belehrt unwiderleglich ^und schlagend; aber es wird immer Antisemiten geben, die sich nicht belehren und widerlegen lassen wollen. Die Gründe haben wir hier nicht zu untersuchen; aber der Tatsache sollten wir Juden uns mehr bewußt sein als bisher. Ks bliebe uns dann manche schmerzliche Enttäuschung erspart und würde weniger wertvolle Energie unnütz verausgabt. Der Hinweis auf noch so viele Eiserne Kreuze auf der Brust jüdischer Soldaten wird die Judenfrage nicht lösen, kaum die administrativ-iresellschaftliche Behandlung der Juden in Deutschland verbessern. Es gehört nun einmal zur Psychologie des Judenhasses aller Zeiten und Länder: e i n jüdischer Kricgswueherer ist augenfälliger als 10 000 gefallene jüdische Helden. Und die erschütterndste Schilderung der von der russischen Regierung. Heeresleitung und Soldateska gegen die Juden verübten Greuel wird die Befreiung der russischen Juden um keinen Schritt fördern. Von der „Neuorientierung''^ die weite Kreise der Judenheit bei Kriegsausbruch auch für die Judenpolitik erwartet haben, ist. bis heute nicht viel mehr zu spüren, als eine betrüehliche