Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 10 (25.2.1917)
- Article
- Das jüdische Elend in Wilna im Jahre 1915/1916
- Date
- 1917-02-25
- Page
- Seite 279 (sequence 5)
- Language
- German
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•279 Die "Wilnaer Stadtverwaltung* verteilt unter die jüdische Bevölkerung wöchentlich 4000 Brotkarten, die sich auf einen Betrag von 10 000 M. pro Monat belaufen. Die 4000 Karten werden unter 3250 Familien mit insgesamt 18 600 Köpfen verteilt. Mithin 2y2 Pf. pro Kopf und Tag. Ihre Mittel beziehen sämtliche K ü c h e n ausschließlich und dio Wohltätigkeitsvereine zum Teil vom Amerikanischen Hilfskomitee, dessen Zuwendung an die etwa 70 in Wilna bestehenden Institutionen die Gesamtsumme von 99 000 M. monatlich erreicht. Zur Judenfrage Ein Interview mit Dr.. Heinrich von Schullern, Wien. Als den zweiten Beitrag der von uns veranstalteten Enquete bringen wir die folgende Unterredung mit dem bekannten deutschen Schriftsteller in Österreich, Oberstabsarzt Dr. Heinrich von Schullern. „Es will mir scheinen, daß ein Aufgehen der Juden in den übrigen Nationen eine Unmöglichkeit sei. Während sich andere Volksstämme bei einiger Berührung ohne weiteres mischen, trennen sich Ju$en- und Ariertum immer aufs neue, wie etwa jene/Chemischen Stoffe, die, noch so innig vermengt, sich stets zu gleichartiger Masse zusammenfinden. Diese Erscheinung erweist sich bei den Juden schon im rein gesellschaftlichen Sinne als Gesetz. Eine Blutmischung beider Teile ist noch weniger zu erwarten. Die Religion ist es nicht mehr, die dabei die Hauptrolle spielt. Es ist vielmehr dafür, einzelne Fälle treuester Freundschaft zwischen Ariern und Juden abgerechnet, eine innere Abgekehrtheit nicht nur der Arier von den Juden, sondern auch umgekehrt, verantwortlich zu machen. Übrigens fragt es sich, ob eine Rassenmischung erstrebenswert genannt werden könne. Der möglichsten Reinheit aller Volksstämme, bei gegenseitiger Duldung und Einschätzung, dürfte die Palme zuerkannt werden müssen. Eine ,Assimilation4 der Juden hingegen in dem Sinne der völligen Anpassung an die kulturellen Verhältnisse der Länder, in denen sie leben, ist ja dem Abschlüsse schon vielfach entgegengerückt. Hier tritt ein tiefgreifender Unterschied zwischen West- und Ostjuden zutage. Ich muß gestehen: als ich gelegentlich dieses Feldzuges die Juden auf dem Lande in Ungarn, Galizien und Rußland kennen lernte, empfing ich den Eindruck, als hätte ich vorher niemals überhaupt Juden gesehen. Die Tracht spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Dagegen schien mir doch die Religion hier maßgebend zu sein, die sich als wahre Nationalreligion kundtat gegenüber den Verhältnissen im Westen, wo der Übertritt zum Christentum an der Tagesordnung ist