Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 9 (10.2.1917)
- Article
- Das jüdische Prag [Rezension]
- Date
- 1917-02-10
- Page
- Seite 267 (sequence 2)
- Language
- German
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267 jüdischen Volkes? Solche und andere Fragen tauchen auf, die zu beantworten hier nicht der Raum ist. Vielleicht — möchte ich andeuten zeigt sich hier der tiefste Zusammenhangt zwischen jüdischem Charakter und jüdischem Schicksal. Ein zähes Sichselbstbewahren ohne Starrheit, ein schmiegsames Sichwaiideln ohne Sichselbstverlicren — das ist die Geschichte der Juden. Nicht t r o t z steter Wandlung, sondern d u r c h dieso erhalten sie sich. Sio werden neu in neuen Verhältnissen, um in diesen und an diesen mit ihrer Eigenart wirken zu können. So sind sie immer neu und doch immer die alten und immer — j u n g. Das Fremde wirkt in ihnen und sie im Fremden. Dies ist der eigentliche Tatbestand der jüdischen Geschichte, an den sich die Geschichtsforschung wird halten müssen, wenn sie jüdisches Wesen und Wirken wahrhaft erkennen will. Sie wird dann allerding? darauf ver-~ ziehten müssen, die jüdische Geschichte aus dem der Wirtsvölker reinlich herauslösen zu wollen. Dies, scheint mir, müßte der Leitgedanke einer wissenschaftlichen Monographie des jüdischen Prags sein, die ihrem Stoff ganz beikommen will. Gerado das jüdische Prag ist ein Typus jener unlöslichen Verquickung. Es gibt kein jüdisches Prag gesondert von einem deutschen und slawischen. Das west-östliche Judcnvolkj dieses Volk inter nationes und diese west-östliche Stadt, diese Stadt inter nationes — sie wuchsen zusammen zu einer eigenartigen Wirklichkeit. Diese -Stadt konnte zu einer Pflanzstätte jüdischer Wissenschaft und zugleich jüdischer Mystik werden. Talmud und Schwarmgeist, Rationalismus und Inbrunst, Nüchternheit und Messiassehnsucht — in dieser Stadt konnten diese stärksten jüdischen Gegensätze wiederholt zu lebendiger Einheit verschmelzen. Dieses Prag des Völkerstreits ist die Geburtsstätte des jung-jüdischen Nationalismus (Prager Zionismus) mit seiner Idee von der inneren Erneuerung des Golusjudentums; in dieser Stadt fand Buber zuerst Echo und Gefolgschaft für seine Reden über das Judentum. In Prag •— durch Prager Persönlichkeiten und Prager Stoffe — beginnt jenes eigentümliche Zusammenwachsen von deutscher und jüdischer Literatur, das wir heute mehr ahnen, als mit der herkömmlichen ästhetisch-literarischen Terminologie bezeichnen können. Ich nenne hier nur Namen wie Brod, Kafka und Paul Adler; aber auch der Nicht-Prager Meyrink gehört hierher, der mit kühnem Griff ein bisher ungestaltetes, ja ungestaltbar scheinendes Stück des jüdischen Prag der deutschen Kunst erobert. — Hinwiederum ist Prag die Stadt, in der, wie in keiner sonst, das deutsche Bürgertum die Physiognomie jüdischen Geistes trägt. Das heutige deutsche Prag ist zum guten Teil identisch mit dem jüdischen Prag. Dies und noch vieles andere wäre der Stoff einer Monographie über das jüdische Prag. Eine solche Monographie ist aber das vorliegende Buch nicht. Es ist eine Sammlung von Äußerungen von Juden und Christen, Gelehrten und Politikern, Schriftstellern und Künstlern, in Wort und in Bild; Prager Äußerungen in dem zweifachen Sinne: Äußerungen über Prag und Äußerungen von Pragern. Dem Leser bleibt es überlassen, in diesem bunten Mosaik die Urnrisse des Gesichts des wirklichen jüdischen Prags zu entdecken. Mit Unrecht nannte ein Rezensent das Buch „ein in seiner Vielfältigkeit und Einheitlichkeit eigenartiges Buch". Es ist so wenig einheitlich, wie es das heutige Judentum und die Vorstellungen der Menschen über das Judentum ist. Aber das ist kein Fehler, sondern Notwendigkeit bei einer Sammelschrift, deren Mitarbeiter nicht durch ein gemeinsames Bekenntnis, sondern nur durch dieselbe stoffliche Beziehung zusammenge- * führt sind. Und darum sogar ein Vorzug. Denn das Buch ist nicht, will nicht sein eine objektive Darstellung des jüdischen Prag^sondern ein reizvolles Abbild eines Stückes jüdischer Wirklichkeit. Es ist ein Stück lebendes Prag und damit selbst wertvolles Material für die Monographie über das jüdische Prag, die wir hoffentlich einmal bekommen werden. Dr. Sigbert Feuchtwanger (München).