Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 9 (10.2.1917)
- Article
- Ludwig Quessel über die nationalkulturelle Atonomie
- Date
- 1917-02-10
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
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266 bewohnen, sieh deshalb miteinander' abfinden und vertragen müssen und doch ihre eigene nationale Entwickelung haben wollen und sollen. Der Grundsatz national-kultureller Autonomie besagt, daß auch die kleinen Nationen berufen sind, durch eigene Leistungen an der Entwickelung der Menschheit mitzuarbeiten. Soweit die Pflego der geistigen Kultur reicht, soll die Autonomie möglichst unbeschränkt sein. In wirtschaftlichen und militärischen Angelegenheiten müssen Bich die kleineren Nationen jedoch dem größeren Staatsganzen einfügen, dem eine übernationale Eigenschaft zuzuerkennen ist. Alle Fragen nationaler Kultur können sehr gut auf dem Boden national-kultureller Autonomie gelöst werden, ohne daß die Einheit des Landes durch Schaffung von Kleinstaaten eine Einbuße erleidet. Von größter Wichtigkeit für die gemischt-nationalen Gebiete ist ferner, daß der politische Kampf nicht zum NationaliUitenkampf ausartet. Vermeiden läßt sich das nur durch Bildung nationaler Wahlkörperschaften. Wenn das Wahlrecht zum Parlament für die gemischtsprachlichen Bezirke in dem Sinne gestaltet wird, daß z. B. im Osten auf jo $0 000 polnische, rutheiÜBche und jüdische Wahlberechtigte, je ein polnischer, ruthenischer und jüdischer Abgeordneter entfallt, so kann, wenn zum Zwecke der Wahl besondere nationale Wahlerlisten und besondere nationalo Wahlorganisationen geschaffen werden, was sich ohne erhebliche Schwierigkeiten ausführen laßt, verhindert werden, daß der politische Kampf zum Nationali- . tiitenkampf wird. Jeder Nationalität sind dann von vornherein eine ihrer Bevölkerungsziffer entsprechende Anzahl von Abgeordneten gesichert. Die Aufstellung nationaler Sammelkandidaturen verliert bei einem nationalen Kuriensystem jeden Sinn. Der Wahlkampf in den gemischtsprachlichen Bezirken kann dann weder von den Behörden, noch von den Parteien nationalistisch vergiftet werden, und er muß zu dem werden, was er sein soll: zu einein politischen Kampf sozialer Gruppen einer und derselben Nationalität. Die Lösung des Nationalitätenproblems auf dem Boden national-kultureller Autonomie, soweit das geistige. Leben in Frage kommt, und auf der Basis des nationalen Kurieusystem*, soweit die wirtschaftlichen und allgemein politischen Fragen reichen, gibt auch in den großen übernationalen Staatsgemeinschaften den Nationen ihr volles Recht, Das ist auch diejenige Lösung, dio der Entwicklung der Produktivkräfte am meisten dienlich ist und die einen wirklichen Ausgleich zu schaffen vermag. Gegenüber den britischen Bestrebungen, durch ein Meer von Blut die Nationalitätenfragen auf dem Wege einer territorialen Neuordnung Europas zu lösen, sollte die hior kurz angedeutete Lösung des Nationalitätenproblems durch national-kulturelle Autonomie und Bildung national abgegrenzter Wahlkörperschaften vom Sozialismus mit aller Entschiedenheit vertreten werden... 0000001111001] Literaturblatt 00000000 Das jüdische Prag*) Es wäre eine reizvolle Aufgabe, schildernd und erklärend den verschiedenen örtlichen Typen nachzugehen, die die Judenheit inderGolusgeschichte ausgebildet hat und auch jetzt noch ausbildet. Man weiß, wie die früheren Juden stolz, ja eifersüchtig ihre örtliche Eigenart — oft sogar nach Umsiedelung inmitten anderer Typen und neuer Umgebung *) Das Jüdische Prag, Eine SammelsehrUt. VctU\<? der Sclbatwehr, Prno; 1917. Preis geh. M. 2.—. - bewahrten. Aber selbst heute bei dem gesteigerten Verkehr, Wohnsitzwechsel und der intensiveren gegenseitigen Berührung verbinden wir noch ganz bestimmte Vorstellungen mit den Begriffen Frankfurter-, Wiener-, Berliner-, Fürther-, Kattowitzer- (Oberschlesische-) u. a. Juden. Was sind die Ursachen dieses merkwürdigen Differenzierungscrgans, welche konkreten Erscheinungsformen hat er gezeitigt, welche Bedeutung hat er in der Gesamtgeschichte des