Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 8 (25.1.1917)
- Article
- Zur Siedlungsfrage in der Türkei [Rezension]
- Date
- 1917-01-25
- Page
- Seite 236 (sequence 2)
- Language
- German
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236 die nach seiner Meinung «ich zunächst und vor allem vom Gesichtspunkte einer Hebung des Ackerbaues im weitesten Sinne, d. h. einschließlich Viehzucht und Gartenbau, leiten lassen muß, eine Moinung, die man vielleicht von rein europäischen Gesichtspunkten aus in mancher Hinsicht bekämpfen könnte, die aber ihre Kraft aus einem eingehenden Verständnis orientalischen Wesens schöpft und auf diesem Boden keinen Angriff zu scheuen braucht. Daß er es nicht unterläßt, auch auf die noch immer bestehende allgemeine lleehtsunsicherheit gerade auch in der Frage des Bodenbesitzrechtes einzugehen und die Schäden des heutigen ländlichen Kreditwesens — soweit von einem solchen überhaupt gesprochen werden kann — aufzudecken, ist um so verdienstlicher, als gerade in dieser Hinsicht Skepsis, um nicht zu sagen Pessimismus in weiten Kreisen in der Türkei wie auch bei uns herrschen. Über diesen mehr die reine Landwirtschaft betreffenden Fragen übersieht er jedoch auch nicht die Bedeutung der allgemeinen Volksbildung, an deren Hebung schon heute in weiten Schichten des Osmanischen Reiches eifrig und hingebend gearbeitet wird. Allerdings bezieht sich der Verfasser überwiegend auf palästinensische Verhältnisse, die ihm anscheinend aus eigener Bekanntschaft eng vertraut sind. Die Allgemcingültigkeit seiner Schlüsse für die ganze Türkei wirkt daher nicht immer überzeugend, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß die von ihm entwickelten Leitgedanken Anspruch auf Beachtung für alle- Teile des Reiches sehr wohl erheben können. Jedoch gerade aus diesem Grunde, und weil das Buch vorzugsweise palästinensische Verhältnisse darlegt und den Weg weist, wie eine Besserung der allgemeinen Vorschriften und ein Füllen der alten Anschauungen mit neuen Gedanken landwirtschaftlichen Siedelungen in Palästina und im ganzen Osmanischen Reiche zum Vorteil gereichen muß, dürfte eine Besprechung des Werkes an dieser Stelle Interessen entgegenkommen, denen die Ausführungen des Verfassers weitestgehend gerecht werden. Ist doch die Frage der Siedelung in der Türkei nicht nur für dieses Land selbst von der allergrößten Bedeutung, sondern sie berührt auch auf das engste alle, die nach dem Kriege vielleicht gezwungen sein werden, sich eine neue Heimat zu suchen. Robert W. Horn, Frankfurt a. M. Dr. Alfons Paquet:. „Die jüdischen Kolonien in Palästina44*) Die kleine Arbeit ist die Wieder-, gäbe eines öffentlichen Vortrags, den der bekannte Orientkenner auf Veranlassung des Kartells jüdischer Verbindungen im preußischen Abgeordnetenhaus am 24. März 1915 gehalten hat Paquet spricht in seiner bekannten Frische und anregenden Art über die Eindrücke, die er von der jungen jüdischen Kolonisation im heiligen Lande empfangen hat und der er eine erfreuliche. Zukunft voraussagt. Mit Recht hebt der Verfasser zum Schlüsse hervor, daß die jüdischen Zukunftshoffnungen sich-nur dann erfüllen können, wenn die Türkei Palästina behält. Ein französisches Palästina würde ebenso wie ein englisches die jüdischen Kulturhoffnungen vernichten, weil beide Staaten ihre Landessprache mit Zwang oder auf dem Handelswege zur Umgangssprache machen würden. Die Engländer würden die kolonisatorischen Aussichten vernichtend durchkreuzen, weil sie, wie in Ägypten, so auch in Palästina, den besten und ertragreichsten Boden sich selbst sichern und so eine großzügige jüdische Besiedclung vereiteln würden. In einem Nachwort vom Herbst 1915 plädiert Paquet lebhaft für die Auswanderung aus Polen und Litauen nach Palästina und wünscht den Juden „ein grünes Banner", das ihnen bei der Wanderung in die alte Heimat voranziehe. Im Schatten des türkischen Baumes erhofft er für sie eine Heimat, nicht im Sinne jenes Nationalismus, der Völker zerreißt, sondern in dem duldsamen der morgenländischen Weisen. *) Gustav Kicpenlieuer Verlag, Weimar, Preis M. 0,75. Verantwortlich für die Schriftleitung: Murtin Goetz, Berlin-Charlottenburg. Nachdruck der Beitrage den Tageszeitungen mit genauer Quellenangabe gestattet. Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Hofbuchdrueker., Berlin W.