Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1917-01-10 · Heft 7 (10.1.1917) · p. Seite 208

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 7 (10.1.1917)
Article
Die Wunderwelt der Chassidim [Rezension]
Date
1917-01-10
Page
Seite 208 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908698-2909242--0363-2909288
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

208 Seitdem Martin Buber uns die Geschichten des Kabi Nachman schenkte, ist das Verlangen nach weiteren Perlen der chassidischen Sagenwelt in uns lebendig. Alexander Eliasberg gibt uns nun eine neue Sammlung, die sich von der Buberschen dadurch unterscheidet, daß die Sagen hier im ganz schlichten Gewände, so wie das Volk und die Kinder sie sich erzählen, erscheinen. Die Sagen, die aus alten jüdischen Volksbüchern entnommen und in ein starkes, schlichtes Deutsch übertragen sind, gewähren uns Einblick in eine Welt von kaum geahnter Eigenart. Tiefe Weisheit findet sich vereint mit kindlichem Frohsinn, übersinnliches Schauen wird im Tone alltäglicher Selbstverständlichkeit offenbart. Allenthalben herrscht das Wunder: Paläste werden in fremde Gegenden versetzt, Tote stehen auf und wandeln, Zeit und Raum versinken. Und doch werden diese Wunderdinge als etwas ganz Erklärliches erzählt — steht doch hinter den Geschehnissen der Herrgott, in dessen Belieben es ja liegt, die Dinge in einer Weise zu ordnen, wie unsere Schulweisheit es sich niemals träumen ließ. Freilich braucht er Diener, die seine Befehle ausführen, und wer anders sollte im unmittelbaren Dienst Gottes stehen als die Chassidim, die um den Baal- Schern geschart, von ihm die Tiefe einer Inbrunst lernen, die den Menschen in übermenschliche Sphären erhebt? Ihre Gebete, die aus tiefster Seele emporsteigen, müssen ja von Gott gehOrt und erfüllt werden, wodurch göttliches und menschliches Tun ständig aufeinander einwirken. In ihren Augen, die Gottes Gegenwart in allen Dingen spüren, muß ja jeder profane Gegenstand zu einem Zaubergerät werden. Ihr inniger Glaube an die unendliche Güte des Herrgotts muß sie so fröhlich machen, daß sie den Herrn durch Gesang und Tänze zu ehren trachten. Der göttliche Funke in ihnen muß überspringen auf alle wahrhaft Frommen. Die Sagen und Legenden anderer Völker haben vielfach einen heidnischen Kern: Genien wurden zu Heingen, Dämonen zu Versuchern der Heiligen umgedichtet. In den chassidischen Legenden ist alles von wirklicher jüdischer Religion durchtränkt; der einzige große Zauberer ist der Herrgott selbst, der sich des Menschen als Werkzeuge seiner Wunderkraft bedient. Wir haben Alexander Eliasberg dafür zu danken, daß er uns durch seine Übersetzung neue Blüten der chassidischen Sagenwelt gab, und dürfen uns freuen," daß ein deutsche r Verlag es unternommen hat, auch doutsche Leser durch das Sagenbuch einen Blick in die Gedanken- und Gefühlswelt des Ostjudentums tun zu lassen. Helene Hanna -Cohn. Ludwig Franz Meyer: Gedichte*; Unter den Judenliedern des jugendlichen Dichters geht eines: Nicht allzu tief Dich in Dein Leid versenke! Du siehst den Frühbng einer neuen Zeit, Und ist's noch bis zur Frucht des Herbstes weit, Sei stolz gefaßt und an die Spätem denke. Es pflückt sie schon Dein Sohn mit eigner Hand, Schon er wird weilen unter Zederbäumen, Und denk'! Dein Enkel wird im heiPgen Land Den ersten goldnen Traum der Jugend träumen. Ein Bild . seiner selbst wie die ganze Sammlung. Nicht ihres künstlerischen Wertes willen — um das Wesen eines jungen Juden von heute zu beleuchten, sei der Gedichte des Frühverblichenen gedacht. (L. F. Meyer fiel, zwanzig Jahre alt, im Kampfe auf polnischer Erde.) Die schmerzgebeugte Mutter sucht sein Andenken durch die von Dr. Emil Cohn besorgte Herausgabe seiner Lieder wachzuhalten. Eine kleine Sammlung von Versen, die L. F. Meyer vom vierzehnten bis zum zwanzigsten Lebensjahre geschaffen und die in: Mirjem, Judenlieder, Frau Sehnsucht, die Lieder und das Leben eines Wanderers gegliedert sind # Es sind die Gedichte eines Jünglings, der mit viel Geschick und •) Jüdischer Verlas:, Berlin 1916. Preh M. 1,50.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.