Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Soziologische Tagebuchblätter
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 172 (sequence 3)
- Language
- German
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172 In Deutschland mußte jetzt eine neue Hochflut des Antisemitismus einsetzen* Das ist immer der Fall, wenn die konservativagrarische Herrenklasse sich bedroht fühlt Dann dient der Jude als . Blitzableiter, um die volkstümlich elektrische Spannung abzulenken. Ein alter Trick, in Rußland immer wieder erfolgreich! Auch bei uns wird er jetzt wieder angewendet, vielleicht (?) zum letzten Male. Denn jene Klasse fühlt sich mit Recht jetzt sehr schwer bedroht, politisch durch die nicht aufzuhaltende Neuorientierung'4 im Innern, den Eintritt der Arbeiterschaft in die Reihe der staatserhaltenden Parteien, und Ökonomisch durch die unvermeidbare Steigerung des Zinsfußes, dem die Senkung des Grundwertes parallel laufen muß, und durch die ebenso unvermeidbare Steigerung der Leutenot und der Arbeitslöhne. Die Grundrente ist in Gefahr! Da muß man versuchen, die jetzt mehr als je erforderliche politische Obmacht mit allen Mittein festzuhalten, und da schickt man wieder den alten Kasper mit der Keule aufs Marionettentheater, den Antisemitismus, der Tod Liberalismus und Teufel Sozialismus totschlagen soll. Aber ich hoffe, es wird das letzte Mal sein. Zuletzt holen ja Tod und Teufel den Kasperl doch. Und die vorfriderizianische Gutsherrlichkeit scheint mir bereits die facies hippocratica zu zeigen. 030000301311003 Umschau 0 03 OD OD0303 03OD Aus dem österreidiisdten Okkupationsgebiet Die Wahlen zu den städtischen Verwaltungen. Die Wahlen zu den Stadtverwaltungen in den vier Gouvernementshauptstädten im österreichischen Okkupationsgebiet, Lublin, Petrikau, Radom und Kie 1 ce, bieten sowohl hinsichtlich der Gestaltung des polnisch-jüdischen Verhältnisses als auch in bezug auf die parteipolitische Gruppierung innerhalb der jüdischen Bevölkerung selbst ein von denen im deutschen Verwaltungsgebiet ziemlich abweichendes Bild. Demgemäß sind auch die Wahlergebnisse ganz verschieden. Was zunächst die polnisch-jüdischen Beziehungen, anbetrifft, so legte in Lublin. im Gegensatz zum gleichen Sachverhalt in Warschau, das Polentum gleich von vornherein den festen Entschluß an den Tag, ein Zusammengehen mit den Juden um jeden Preis zu verhindern. Große Wahlplakate des polnischen Wahlkomitees riefen bereits in den ersten Tagen der Wahlkampagne zum Kampfe gegen die „fremden Elemente", die nach der Herrschaft über Polens Städte trachten. Da« (polnische) Zentrale Wahlkomitee in Lublin faßte den Beschluß, sich in keinen Kompromiß mit den Juden, einzulassen. Dieser von sämtlichen polnischen Parteien und Richtungen gebilligte Beschluß richtete sich nicht bloß gegen die nationaljüdischen Kreise, sondern auch gegen die ausgesprochenen Assimilatoren und Polonisatoren. Am bezeichnendsten ist es aber, daß auch die polnischen sozialistischen Parteien (P.S.D. und P.P.S.) es abgelehnt haben, gemeinsam mit dem „Bund" einen sozialistischen Wahlblook zu bilden.